Im “Judomagazin” Nr. 10 / 07 findet sich ein Artikel, in welchem deutlich wird, wie sehr traditionelle Jûdôka und Wettkampf-Sportler aneinander vorbeireden.
Unter dem Titel “Mit Gefühl und Kraft” lesen wir:
“Topwettkämpfer bringen technische Glanzstücke hervor. Fachmann Ulrich Klocke, 7. Dan, belegt dies mit vier Beispielen von Konteraktionen gegen Fußtechniken, die allesamt beim Otto World Cup 2007 i Hamburg aufgenommen wurden.”
1. Beispiel:
Zu sehen ist ein O-Uchi-Gari des Griechen Iliadis gegen den Franzosen Brisson, der halbherzig einen Ko-Soto-Gake angesetzt hatte.
(Judomagazin 10 / 07, S. 41)
2. Beispiel:
Zu sehen ist weiterhin ein Ko-Uchi-Gari der Brasilianerin Silva (die ich erst für einen Mann hielt!!) gegen die Spanierin San Miguel, die mit Ko-Uchi-Makikomi angegriffen hatte.
(Judomagazin 10 / 07, S. 42)
3. Beispiel:
Zu sehen ist auch, wie sich die dicke, schwere Russin Donguzashvili einfach nach vorn lehnt und ihre Gegnerin umkippt, als diese mit O-Soto-Gari attackiert. Da man dies ja irgendwie nennen muß, hat man es als “O-Soto-Otoshi” bezeichnet.
(Judomagazin 10 / 07, S. 43)
4. Beispiel
Wir sehen, wie der Israeli Sheinmann sich mit einem fürchterlich gebolzten, enorm kraftbetonten Te-Guruma gegen den Polen Krawczyk und dessen O-Soto-Gari durchsetzt.
(Judomagazin 10 / 07, S. 44)
Gut, das sind halt Bilder eines Wettkampfs. Na und?
Zum ersten Beispiel: wenn man, so wie der Franzose es hier tut, einen nach vorn gebeugten Gegner mit Ko-Soto-Gake angreift und dabei selbst beinahe im Hohlkreuz steht, dann ist es kein Wunder, wenn man weggehauen wird. Was der Grieche Iliadis da tut, ist gut und richtig - aber eine besonders hervorzuhebende “Supertechnik” ist das ganz sicher nicht.
Zum zweiten Beispiel: die Brasilianerin steht ebenfalls nach vorn geneigt da, und das ist sicher nicht die optimale Ausgangsposition für den Ko-Uchi-Makikomi der Spanierin. Die Brasilianerin Silva lehnt sich einfach noch weiter nach vorn und plumpst auf die Spanierin drauf. Kann man machen, ist eine an dieser Stelle sinnvolle Bewegung. Aber was ist denn daran nun so unglaublich toll? Die Brasilianerin hat einen eklatanten Fehler ihrer Gegnerin ausgenutzt. Prima! Glückwunsch! Aber das ist es doch wohl, was man von einem Jûdôka erwarten darf, oder? Und nebenbei - wieso es für dieses simple Umdrücken Ippon gab, erschließt sich mir nicht so recht.
Zum dritten Beispiel:
Meint Klocke das ernst? DAS soll ein Beispiel für die von ihm so bejubelte “Vielzahl wunderschöner, technisch und ästhetisch ansehnlicher Lösungen” sein? Eine - mit Verlaub - dicke Tante vom Typ “russische Kugelstoßerin” steht nach vorn geneigt da und läßt ihre Gegnerin erst mal einen O-Soto-Gari ansetzen. Dann neigt sie sich bedächtig noch weiter nach vorn, drückt mit viel Kraft diese Gegnerin einfach um und plumpst hinterher.
Wunderschön, technisch und ästhetisch ansehnlich, doch, doch ...
Zum 4. Beispiel:
Wunderbar! Es ist beeindruckend, wie der Israeli Sheinmann seinen Gegner wunderschön hochhebt, ihn dann technisch und ästhetisch anspruchsvoll erst mit dem Schultergelenk und dann mit dem Kopf kraftvoll in die Matte haut, um den Polen danach über den mit dem ganzen Körpergewicht belasteten Kopf auf den Rücken zu kippen. Mit Gefühl und Kraft? Letzteres ganz sicher ...
So also sieht für Klocke gutes Jûdô aus.
Nun schreibt er dazu euphorisch:
(Judomagazin 10 / 07, S. 40)“Kritik greift zu kurz
Kritiker des Wettkampfsports haben viele Jahre lang immer wieder vorgetragen, dass das Wettkampfjudo zu einer technischen Verarmung und zu einer Beschränkung auf nur wenige, sehr wirksame Techniken führe. Ich sehe dies nach jahrelanger, intensiver Auseinandersetzung mit dem nationalen und internationalen Judo als Spitzensport ganz anders. Ich glaube, dass die intensive Beschäftigung mit dem Judo, die zahllose Menschen in allen Erdteilen betreiben, nicht nur Weltmeister und Olympiasieger aus allen Erdteilen mit sich bringt, sondern auch eine Vielzahl wunderschöner, technisch und ästhetisch ansehnlicher Lösungen entwickelt, um im Judowettkampf einen Ippon zu erzielen.”
(Nota bene: daß eine Sportart, die “olympisch” ist, und in der Weltmeisterschaften veranstaltet werden, auch Olympiasieger und Weltmeister hervorbringt, sollte doch wohl selbstverständlich sein. Warum das also betonen?)
So, und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Erstens gibt es kaum “neue, moderne” Lösungen im Bereich der Wurftechniken.
Beispiel gefällig?
Viele Jûdôka glauben, daß etwa Wurftechniken, bei denen ein Bein des Gegners gegriffen und weggerissen wird, sich erst im sportlichen Wettkampf-Jûdô entwickelt haben, also eher „moderne“ oder gar „russische“ Techniken sind. Das aber ist ein Irrtum. So ist bspw. Kuchiki-Daoshi eine Wurftechnik, die dem Tenshin-Shinyo-Ryû Jû Jutsu und damit dem Koryû Bûjutsu entstammt.
Und warum gab es im traditionellen Jûdô so etwas wie den “Khabarelli” nicht? Ganz einfach - das ist eine tolle, aber ausschließlich im reglementierten Sport anwendbare Bewegungsfolge (von Technik möchte ich da nicht sprechen, denn der “Khabarelli” widerspricht in seiner Ausführung dem ersten und obersten Prinzip des Jûdô, dem “Seiryoku Zen’yo”). Aus diesem Grunde findet man derlei unökonomische, kraftaufwendige und selbstgefährdende Techniken nicht im Jûdô. Bewegungsfolgen wie der Khabarelli sind das, was Kano “Kunstwürfe” nannte. Daß solche Dinge heute dennoch als “gutes, technisch anspruchsvolles Jûdô” gelten, läßt erkennen, wie wenig man allgemein vom Jûdô noch weiß.
Zweitens geht es im Jûdô, folgt man Kanos Texten, eben nicht primär darum, im sportlichen Wettkampf “einen Ippon zu erzielen”! Genauer gesagt, geht es darum eben NUR und ausschließlich im Wettkampfsport.
Nun wissen wir aus Kanos Texten (ja, wenn man sie doch endlich mal lesen würde!!!), daß der Wettkampf eine eher untergeordnete Bedeutung hat, sozusagen als Kontrollmöglichkeit dessen dient, was man im Training gelernt hat.
Dazu schreibt Kano:
(KANO Jigoro „What we learn from Jûdô“ in : Trevor Legget „The Spirit of Budô“ S. 99)„(1) Da sind jene, die Wettkampfsportarten angreifen und sagen, daß wir in Japan unsere eigenen Kampfkünste (Bûjutsu) haben, welche ausgezeichnet geeignet sind für körperliche und geistige Erziehung, so daß wir es nicht nötig haben, uns Probleme aufzuladen welche mit einem Import irgendwelcher Sportarten verbunden sind. Wenn wir unser eigenes Bûjutsu praktizieren, dann sind wir dem Geist des japanischen Volkes aufs Natürlichste verbunden, und es ist gleichzeitig ein Training unserer eigenen Tugenden. Importierte Sportarten werden diesen Geist auch vorzutäuschen versuchen, und wir sollten uns gegen das Fremde behaupten.
(2) Dann gibt es da jene, welche die guten Aspekte des Sports betonen und sagen, daß auch Jûdô bekanntgemacht und verbreitet werden sollte als eine Form des Wettkampfsports, und daß es in seiner Praxis komplett reduziert werden sollte auf eine wettkampftaugliche, sportliche Form, gleich vielen anderen Sportarten.
Keiner dieser Standpunkte ist korrekt, und man muß sagen, daß keiner dieser Standpunkte die Beziehung zwischen Jûdô und anderen Sportarten definiert.
Wie ich oft erklärt habe, ist Jûdô ein WEG, welcher eine große Universalität ausdrückt.
In der Vielzahl seiner Anwendungen gibt es viele verschiedene Blickwinkel, so z.B. vom Standpunkt der Kampfkunst aus, vom Standpunkt der Körpererziehung aus, in Bezug auf die Kultivierung der Intelligenz und der Tugend, und es gibt Methoden, Jûdô auf die Belange des täglichen Lebens zu übertragen.
Wettkampfsport ist eine Art von Sport, in dem es um den Kampf bis zum Sieg geht, das beinhaltet ein natürliches Training des Körpers. Es ist auch eine System moralischer Kultur.
Wenn Wettkampfsport korrekt dieser Linie folgt, dann hat er große Erfolge im physischen und auch psychischen Training vorzuweisen, und darüber kann es keinen Streit geben.
Aber der Inhalt des Wettkampfsportes ist simpel und sehr begrenzt, während der Inhalt des Jûdô sehr komplex und weitgefaßt ist. Wettkampfsport beinhaltet nur einen kleinen Teil des Jûdô. Natürlich kann man Jûdô als einen simplen Wettkampfsport ansehen, und es mag genügen, das so zu tun. Aber der vollständige, ultimative Inhalt des Jûdô kann so nicht vermittelt werden. Man kann bemerken, daß es in unseren Tagen die Absicht gibt, Jûdô dahin zu drängen, daß es den Richtlinien eines Wettkampfsportes folgt, doch man darf nicht vergessen, was die wirkliche Essenz des Jûdô ist und worin diese liegt.“
„Wenn Wettkampfsport korrekt dieser Linie folgt ... ist er auch ein System moralischer Kultur.“ Das muß man sich angesichts diverser Doping-Skandale doch gleich noch einmal durchlesen ...
Offenbar ist es unter Jûdôka heute üblich, die eindeutigen und nicht fehlzuinterpretierenden Worte des Gründers zu ignorieren.
“Wettkampfsport beinhaltet nur einen kleinen Teil des Jûdô” schreibt Kano.
Wenn man das gelesen hat, wie kann man dann immer noch bestreiten, daß dieser kleine Teil , da er heute als “das Ganze” angesehen wird, zunehmend technisch verarmen muß?
So, und nun können wir am Beispiel des Artikels von Ulrich Klocke sehr schön illustrieren, was dabei herauskommt, wenn man sich auf den “kleinen Teil” des Jûdô, nämlich den bloßen sportlichen Wettkampf nach immer absurderen Regeln konzentriert.
Der Wettkampf ist eine Laborsituation. Niemand muß dort um sein Leben fürchten. Niemand hat einen echten Gegner - man hat einen sportlichen Kontrahenten. Und das ist nun einmal etwas ganz anderes!
Die Kampfzeit ist begrenzt. Es gibt feste Regeln, und der Gegner kann disqualifiziert werden, wenn er zu “böse” wird.
Die Beleuchtung ist meist gut bis sehr gut, man rauft ... ääähh, kämpft auf einer ebenen Matte, ein Mattenarzt ist anwesend, und vor allem hat man nur einen einzigen Kontrahenten, de außerdem unbewaffnet ist. Nun kann man das ja alles so machen. Dagegen ist nichts einzuwenden.
ABER: man sollte nicht so tun, als sei DAS dann noch Jûdô im Sinne des Gründers.
Ich bin bereit, zuzugestehen, daß auch der Wettkampfsport seine Berechtigung hat und daß Jûdô als Sportart immer noch besser ist als gar kein Jûdô.
ABER: auch wenn Ulrich Klocke das nicht wahrhaben will, das heute praktizierte Wettkampfjudo führt definitiv zu einer technischen Verarmung, verglichen mit der Gesamtheit der Lehrinhalte des authentischen Jûdô.
Es ist kaum als “technische Vielfalt” zu bezeichnen, wenn von dieser oder jener Wurftechnik diese oder jene Variante eine Zeit lang in Mode ist.
Die “Vielzahl wunderschöner, technisch und ästhetisch ansehnlicher Lösungen ... um im Judowettkampf einen Ippon zu erzielen”, von denen Klocke spricht, sind genau das: Kunstwürfe.
Und so etwas funktioniert eben nur und ausschließlich in der determinierten Laborsituation des streng reglementierten Wettkampfs.
In einer SV-Situation etwa ist so etwas nicht zu gebrauchen.
Wer nun das Gegenteil behauptet, ist entweder bedenklich ahnungslos und hat noch nie ernsthaft um sein Leben kämpfen müssen - oder er lügt.
Und da sind wir auch schon bei der nachweisbaren technischen Verarmung des Wettkampfjudo angelangt.
Wie sieht es denn im Bodenkampf aus? Wo finden wir denn da all die “wunderschönen, technisch und ästhetisch ansehnlichen Lösungen”, von denen Klocke spricht?
Wieviele Kämpfe werden denn im Boden heute noch durch Hebel gewonnen? Wieviele durch Würgegriff? Und wo sind eigentlich all die dem Jûdô eigenen Bein- und Fußhebel hingekommen ...?
Und wo, bitte sehr, finden wir denn heute noch Dôjô, in denen die enorm effektiven Atemi-Waza des Jûdô tatsächlich noch anwendungsbereit gelehrt werden?
Möchte mir jemand einreden, die “Ausbildung zum SV-Lehrer des DJB” würde diese Dinge auch nur ansatzweise beinhalten?
Und wo, bitte sehr, lieber Herr Klocke, finden wir denn heute noch ein Dôjô, in welchem der Umgang mit den wichtigsten Waffen des Jûdô gelehrt wird? In welcher deutschen Turnhalle, in der “modernes Wettkampfjudo” betrieben wird, kann man heute noch als Jûdôka von seinem Jûdô-Lehrer wenigstens den Umgang mit Schwert (Katana), Dolch (Tanto) und Stock (Hanbo) erlernen - von Kusarigama, Jitte usw. mal ganz abgesehen?
Und bitte, bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit der unsinnigen Behauptung, Waffentechniken habe es “im Jûdô nie gegeben”.
Wo wird den tatsächlich noch der bereich der Uke-Waza in seiner Gesamtheit unterrichtet?
Wo lernt der Jûdôka den noch etwas über Kappo / Kuatsu?
Wo lernt er denn noch etwas über die Gyokku Ho, die Kyushin Ho, die Renko Ho?
Ja, ja, ich weiß - das alles ist “für den modernen Wettkampfsport unerheblich”.
Das ist so ungefähr das gleiche, als wenn man - wie einer meiner Schüler dazu schrieb - die Klinge einer (Streit-) Axt entfernt, den klingenlosen Stiel hochhebt und behauptet: “Dies ist eine Axt. Andere Äxte gibt es nicht. Die Axt war nie als Werkzeug gedacht und schon gar nicht als Waffe. Aber man kann, nachdem wir alles Überflüssige entfernt haben, nun ganz, ganz prima und verletzungsfrei damit spielen. Laßt uns für dieses Spiel strenge Regeln aufstellen - und seht nur, wie vielseitig, ästhetisch und technisch anspruchsvoll dann automatisch alles wird, was wir mit diesem Stück Holz anfangen!”
Nun fehlt nur noch, daß jemand treuherzig behauptet, wenn es ganz schlimm käme, könne man doch den (klingenlosen) Axtstiel dem bösen Gegner ganz doll auf den Kopf hauen ... wenn es denn unbedingt sein müsse. In Wahrheit aber sei der Stiel zum Spielen da - und eine technische Verarmung könne man aus dem Entfernen der Klinge aber nun ganz gewiß nicht ableiten.
Und zum Schluß muß dann bitte noch jemand auftreten, der Weltmeister im Spielen mit dem klingenlosen Axtstiel ist und der im Brustton der Überzeugung behauptet, es habe nie eine Klinge gegeben ...
Wie ich schon sagte, wir reden aneinander vorbei, da wir von sehr unterschiedlichen Dingen sprechen.
Klocke spricht von Sport und Spiel und befleißigt sich einer selektiven Wahrnehmung. Das ist sein gutes Recht.
Die Schlußfolgerungen, die er daraus zieht, sind jedoch von einer bedenklichen Unwissenheit geprägt.
Vielleicht doch mal den einen oder anderen Text Kanos lesen ...?
Auch wenn’s wehtut ...
Tom