Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Hier geht es um die Wettkampforganisation und um Fragen zu den Wettkampfregeln
Josef
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Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Josef »

http://www.japantimes.co.jp/news/2013/0 ... QmqX3K9ohw

Mit Bambusschwertern verprügelt, gezwungen verletzt zum Wettkampf anzutreten.... für ein paar Medaillen, an die sich morgen niemand mehr erinnert.
Wären die Frauen Pferde, dann hätte man die Teams wegen Tierquälerei längst gesperrt.
"Kano? Kenn' ich nicht. War der mal hier im Verein?" -- 16-jahriger DJB-Blaugurt.
"es gibt nur eine Po und zwar die vom DJB" -- danieX im KKB
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Fritz
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Fritz »

Andere Länder, andere Sitten...

Ich glaube nicht, daß es den Japanern nur um Medaillen geht...
Sagt nicht das Gerücht, daß der Japaner, der damals gegen Geesink verlor, am liebsten Selbstmord begehen wollte?
Mit freundlichem Gruß

Fritz
tutor!
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von tutor! »

Selbst wenn Kaminaga an Selbstmord gedacht haben sollte, dann wäre dies wohl nirgendwo verbreitet worden. Jedoch hat Inokuma, der Schwergewichtssieger von 1964 Suizid begangen. Warum weiß ich allerdings nicht.

Der Artikel sollte viel im Grundsätzlichen zu denken geben. Zum einen sind derartige Erziehungs- und Trainingsmethoden in Japan - und nicht nur dort - tief verankert. Genauso, wie die jungen Leute keine dummen Fragen zu stellen, sondern das zu tun haben, was der "Sensei" sagt. Dieser wiederum ist sehr "streng" mit den Schülern und was darunter einige verstehen, hat man hier gesehen. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf Judo, sondern die Trainingsmethoden in anderen olympischen Sportarten, z.B. Turnen, waren in der Vergangenheit oft in der massiven Kritik.

Früher, ob es heute noch so ist, weiß ich nicht, war es nicht unüblich, dass auch die älteren Schüler (Senpai) die ihnen anvertrauten, jüngeren Schüler (Kohai) verprügelten, wenn diese ihren "Pflichten" nicht nachgekommen sind. Diese waren z.B. Das Waschen der Judogi, tragen der Tasche usw. Es gibt auf YouTube eine Doku über einen Sumo-Stall, der dies ebenfalls beschreibt.

Derartige Methoden sind mit Kanos Idealen nicht zu vereinbaren. Er selbst hat ja auch immer wieder angemahnt, dass man mehr Fortschritte in der Erziehung machen müsste. Gemessen am damaligen Stand in Japan, war er geradezu revolutionär. Ich weiß zwar keine Stelle, an der er sich über Prügelstrafe in der Erziehung geäußert hätte, jedoch ist die Betonung der Bedeutung von Mondo (Lehrgesprächen) ein klares Indiz dafür, dass er andere, westliche Unterrichtsformen ins Judo einführte.

Zwei weitere Punkte sind aus meiner Sicht noch von Bedeutung. Kano war einer der größten Promoter des Sportgedankens in Japan. Man müsse jedoch - so Kano - Wettkämpfe mit Moral verbinden, wie es in England der Fall wäre. Wettkampfergebnisse sollen nicht überbewertet werden und der Wettkampf soll keine Formen hervorbringen, die dem Erziehungsgedanken widersprechen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bedeutung von sportlichen Erfolgen für Japan und hier gerade das Schwergewicht im Judo. Es ist geradezu ein historischer Komplex gegenüber dem Westen, dass die japanische Konstitution eben etwas kleiner und schwächer ist, als die westliche. Dies versuchten die Japaner seit dem Ankommen von Commodore Perry 1853 durch Geschicklichkeit und besondere Härte und Konsequenz zu kompensieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei der "japanische Geist" oder der Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 2. Weltkrieg beschworene Bushido (Samurai-Spirit).
Dies wird auch heute noch propagiert: http://cache.boston.com/images/bostondi ... .25.08.jpg

Das Schwergewicht im Judo symbolisiert bis heute den Kampf des kleinen Japaners gegen den scheinbar übermächtigen Westler.

Der DOSB hat übrigens vor einigen Jahren mit einem Ehrenkodex für Trainer klar Stellung bezogen und der DJB hat sich eindeutig positioniert. Sollte sich im DJB ein Trainer auch nur ansatzweise solcher Methoden bedienen, würde er auf der Stelle fristlos entlassen.
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Reaktivator »

tutor! hat geschrieben:Jedoch hat Inokuma, der Schwergewichtssieger von 1964 Suizid begangen. Warum weiß ich allerdings nicht.
Das hatte nichts mit Judo zu tun - Hintergrund waren berufliche Probleme (Pleite seiner Baufirma, wobei die Yakuza eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben sollen).
tutor! hat geschrieben:Früher, ob es heute noch so ist, weiß ich nicht, war es nicht unüblich, dass auch die älteren Schüler (Senpai) die ihnen anvertrauten, jüngeren Schüler (Kohai) verprügelten, wenn diese ihren "Pflichten" nicht nachgekommen sind. Diese waren z.B. Das Waschen der Judogi, tragen der Tasche usw. Es gibt auf YouTube eine Doku über einen Sumo-Stall, der dies ebenfalls beschreibt.
Das Kohai-Senpai-Verhältnis spielt bis heute eine wichtige Rolle - und dazu gehört (und zwar nicht nur beim Sumo, sondern z.B. auch beim Judo) in den Trainingsgemeinschaften nun mal auch das "Waschen der Judogi, tragen der Tasche usw.".
tutor! hat geschrieben:Derartige Methoden sind mit Kanos Idealen nicht zu vereinbaren. Er selbst hat ja auch immer wieder angemahnt, dass man mehr Fortschritte in der Erziehung machen müsste. Gemessen am damaligen Stand in Japan, (…)
Man darf den zeitgeschichtlichen Kontext nicht außer acht lassen. In der Frühphase des Kodokan lebten und trainierten ja einige Schüler permanent dort - genau wie in einem Sumo-Stall. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es dort damals grundlegend anders gewesen sein sollte…
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von tutor! »

Reaktivator hat geschrieben:Man darf den zeitgeschichtlichen Kontext nicht außer acht lassen. In der Frühphase des Kodokan lebten und trainierten ja einige Schüler permanent dort - genau wie in einem Sumo-Stall. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es dort damals grundlegend anders gewesen sein sollte…
Tja, welche "Sitten" damals geherrscht haben wird sich wohl nie auflösen lassen. Außerdem ist es immer ein Schritt, das Ideal einer gewaltfreien Gesellschaft zu predigen, und dann auch im eigenen Bereich danach zu leben und das durchzusetzen. Gewalt gegen Schutzbefohlene wird ja von so Manchem nicht als Gewalt wahrgenommen, sondern als "nur zu deren Besten" gerechtfertigt.
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Jupp »

In Deutschland wird Judo derzeit ja geradezu als ein geeignetes Mittel der Gewaltprävention angeboten. Gemeint ist damit aber Vorbeugung der Gewalt durch die Teilnehmer an Judoaktivitäten.

Geht die Gewalt dann aber sogar vom verantwortlichen Leiter einer Judogruppe aus, dann ist dies auf der einen Seite ein wirklich schwerwiegender Verstoß gegen den "Geist des Judo", also alle erzieherischen und wertebezogenen Vorstellungen, die Jigoro Kano uns vermittelt hat, andererseits aber eben auch ein Verstoß gegen geltendes Recht.

Beides dürfte doch auch in Japan zutreffen.

Der ehemalige Judo-Weltmeister von 1993 (-60 kg) Ryuji Sonoda hat laut Aussagen von 15 Mitgliedern der japanischen Frauen-Nationalmannschaft einige von ihnen geohrfeigt (slapped), geschubst (shoved), getreten (kicked) und mit einem Bambussschwert geschlagen (hit with a bamboo sword).

Als Ergebnis denkt er nun darüber nach, zurückzutreten, obwohl der Verband ihn behalten will. Von diesem hatte er Mitte Januar eine "offizielle Verwarnung" erhalten, nachdem diese ihn befragt hatte. Es besthe keine Absicht Sonoda zu ersetzen.
Sonoda erklärte jedoch, "es sei schwierig für ihn, mit dem Training des Teams weiter fortzufahren". Er bedauerte, dass "sein Verhalten, seine Worte und Aktionen Probleme bereitet haben." Er dachte, er "könne eine vertrauensvolle Beziehung weiter aufrecht erhalten, aber das war eine einseitige Vorstellung." (alle Zitate aus dem Eingangs geschalteten Artikel der Zeitung TheJapanTimes vom 30. Januar 2013)

Sonoda gehört wohl seit 1996 der Städtischen Polzei von Tokyo (Metropolitan Police Department) an, die ihn für das Training im Verband 2004 abgestellt hat.

Der Vorfall mit Sonoda könnte für die Stadt Tokyo Schwierigkeiten bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele 2020 mit sich bringen, denn die Olympische Charta verbietet körperliche Gewalt im Sport ganz eindeutig.

Es wird sich zeigen, für wen denn nun dieser Missbrauchsvorfall die härteren Konsequenzen mit sich bringen wird, für Sonoda, der gegen geltendes Recht verstoßen und die Politik mit seinem "unerfreulichen" Verhalten zum "falschen" Zeitpunkt erwischt hat, oder ob die "Auslöser" dieses Skandals, die 15 Frauen des japanischen Nationalkaders (deren Namen nicht genannt werden, die aber vermutlich die 3 Meddaillengewinnerinnen von London mit einschließen) zu spüren bekommen, dass in Japan noch nicht die Zeit gekommen ist, wo junge Frauen sich über Vorgesetzte offiziell bei einer anderen Organisation (nämlich dem Japanischen Olympischen Kommittee und nicht dem Japanischen Judo Verband) beschweren können...


ein sehr nachdenklicher
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Jupp »

Soeben in meinem Postfach von der IJF erhalten:

"The IJF Condemns Hard Training Methods
January 31st, 2013

In direct connection with the complaint of a group of athletes from the national Japanese women's team, reporting the acts from their coach, the IJF strongly emphasizes its total disapproval of such behaviors. "It has nothing to do with the spirit and philosophy of judo taught by the founding master of our sport, Master Jigoro Kano," said the President of the International Judo Federation, Mr. Marius Vizer.

The IJF is particularly focussed on the development and promotion of the moral code of judo. Judo is a method to develop the physical and mental capacities, whose primary concern is to maintain the health and integrity (physical and mental) of the participants. Any action that goes against these principles are banned. The IJF will therefore take all necessary measures."


Nur als Ergänzung zu meinem vorhergehenden Post

Jupp
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von JSC Mitglied »

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/j ... 80962.html

Wieder was schlimmes.
Irgend was läuft in Japan gewaltig schief zur Zeit.
freundliche Grüße
JSC Mitglied

Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt."
- Neben Einstein auch David Hilbert und Leonhard Euler zugeschrieben
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Jupp »

Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport
Soeben in meinem Postfach von der IJF erhalten:
"Of the International Judo Federation
Concerning the Events within the Japanese Women's Team


Very committed to the educational values carried out by our discipline, the International Judo Federation, through its President, Marius Vizer, and General Secretary, Jean-Luc Rougé, and in light of the recent events that occurred within the Japanese Women's Team, together with the President of the All Japan Judo Federation, Mr. Haruki Uemura, decided the following this morning:

- As a precaution, all technical staff involved, is suspended from all coaching activities.

- The establishment of a neutral commission of inquiry, composed of key figures from civil partners and the world of sports, outside of judo, whose mission will be, as soon as possible, to shed light on the alleged facts:

- Nature of the facts,

- People involved,
- Background facts.



Following the presentation of the report of the Committee, the President of the All Japan Judo Federation will propose measures that he thinks will be usefull:

- Sanctions and an implementation process ensuring that these events do not occur again.



The International Judo Federation, following the report and proposals of the Japanese Federation, will give its position, its comments and decisions, in accordance with the principles that led to the creation of judo. Jigoro Kano created judo as a means of physical, mental and moral education, adding that competition is not a goal but a means of evolution for humanity."
In diesem Fall scheint mir die IJF konsequent und richtig zu handeln.

Jupp
tutor!
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von tutor! »

Ja, aber dennoch eine ungewöhnliche und harte Einmischung in eine Angelegenheit eines Mitgliedsverbandes. Ich würde mir wünschen, dass die IJF sich genauso konsequent positioniert, wenn es sich um ein Land wie z.B. Cuba handeln würde.

Ich sehe in dieser Stellungnahme auch ein wenig den Versuch, Uemura - den Präsidenten des Kodokan und des japanischen Verbandes - zu Schwächen. Uemura wäre einer der möglichen Kandidaten für ein hohes Amt in der IJF und ich weiß nicht, ob das allen dort so recht wäre....

In der Sache schließe ich mich jedenfalls jenen an, die Maßnahmen fordern. Diese sind mittlerweile ja auch getroffen worden: drei Trainer aus dem Stab sind zurückgetreten (worden), ebenso wie der zuständige Direktor im japanischen Verband.
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von piti »

Ja, aber dennoch eine ungewöhnliche und harte Einmischung in eine Angelegenheit eines Mitgliedsverbandes.
na klar, wir setzen erst einmal eine neutrale Kommission zur Untersuchung ein ..............
deren Aufgabe es sein wird, so bald wie möglich, Licht auf die behaupteten Tatsachen zu werfen .............

Was kostet ein Mord an Kindern in Japan wenn man Judoka ist?
Antwort: 9800 Euro
Ein Gericht im japanischen Osaka hatte 2011 einen Judo-Trainer für den Tod eines sechsjährigen Jungen verantwortlich gemacht und ihn zu einer Geldstrafe von umgerechnet 13.000 US-Dollar (ca. 9800 Euro) verurteilt. Der 36 Jahre alte Trainer gab zu, den Jungen im Training mehrfach heftig zu Boden geworfen zu haben. Der Sechsjährige war daraufhin an einer Gehirnschwellung gestorben.

Nach Aussagen des Universitätsprofessors Ryo Uchida gab es von 1983 bis 2010 allein in japanischen Schulen 114 Todesfälle im Judo . „Die Anzahl der Todesfälle außerhalb der Schulen bleibt unbekannt“, sagte Uchida der Nachrichtenagentur AFP.

Reaktion des DJB:
Ein langjähriger DJB-Judotrainer und im Deutschen Judo-Bund (DJB) im Bereich der Wettkampforganisation tätig, äußerte sich wie folgt:
"Die Asiaten haben generell andere Trainingsmethoden und einen anderen Umgang mit Bestrafungen schon im Kindesalter“, sagte H....g dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Tija, das wars vom DJB.

114 Tote ohne die Dunkelziffer ..... was solls ......Kodokan ist die moralisch und ethisch höchste Instanz im Judosport!

Also was regt ihr euch auf??
Judofunktionär fragt Judosportler:
Wer ist wir?
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Jupp »

Piti schreibt:
"Was kostet ein Mord an Kindern in Japan wenn man Judoka ist?
Antwort: 9800 Euro
Ein Gericht im japanischen Osaka hatte 2011 einen Judo-Trainer für den Tod eines sechsjährigen Jungen verantwortlich gemacht und ihn zu einer Geldstrafe von umgerechnet 13.000 US-Dollar (ca. 9800 Euro) verurteilt. Der 36 Jahre alte Trainer gab zu, den Jungen im Training mehrfach heftig zu Boden geworfen zu haben. Der Sechsjährige war daraufhin an einer Gehirnschwellung gestorben.

Nach Aussagen des Universitätsprofessors Ryo Uchida gab es von 1983 bis 2010 allein in japanischen Schulen 114 Todesfälle im Judo . „Die Anzahl der Todesfälle außerhalb der Schulen bleibt unbekannt“, sagte Uchida der Nachrichtenagentur AFP.

Reaktion des DJB:
Ein langjähriger DJB-Judotrainer und im Deutschen Judo-Bund (DJB) im Bereich der Wettkampforganisation tätig, äußerte sich wie folgt:
"Die Asiaten haben generell andere Trainingsmethoden und einen anderen Umgang mit Bestrafungen schon im Kindesalter“, sagte H....g dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Tija, das wars vom DJB.

114 Tote ohne die Dunkelziffer ..... was solls ......Kodokan ist die moralisch und ethisch höchste Instanz im Judosport!

Also was regt ihr euch auf??"
Ohne zu verharmlosen, was immer an nicht tolerierbaren Handlungen im Judo in Japan passiert sein mag, muss ich einige der hier unterstellten Behauptungen doch näher hinterfragen:

1. Wurde dieser Judotrainer in der Schule wegen "Mord" angeklagt und verurteilt? Oder handelt es sich nur um die Schlussfolgerung von "piti", dass "mehrfach heftig zu Boden geworfen" eines Sechsjährigen mit "Mord" gleichzusetzen ist. Wurden die 13.000 US-Dollar an die Eltern des Jungen gezahlt, um damit die begangene Tat zu sühnen?

2. Auch mir erscheinen 114 "Todesfälle" im Judo der Schulen in 27 Jahren eine extrem hohe Zahl. Sind diese Todesfälle alle (oder überwiegend) durch das Fehlverhalten der jeweiligen Judolehrer verursacht worden? Wie hoch wird die Duneklziffer im Judo an den Schulen denn noch eingeschätzt? Oder bleibt dies unserer Fantasie vorbehalten?

3. Hat der von "piti" zitierte "langjährige DJB-Judotrainer, der im DJB im Bereich der Wettkampforganisation tätig" ist als offizieller Sprecher des DJB gesprochen, so dass man dem DJB unterstellen kann, diese Angelegenheit ("Mord" auf der Judomatte) oder Zahlen (114 Todesfälle) zu verharmlosen? Oder handelt es sich dabei nur um (irgend-) einen Judotrainer im DJB, der auch Wettkämpfe organisiert?

4. Kann man den Kodokan als "moralisch und ethisch höchste Instanz im Judosport" für das Gerichtsurteil und die Todesfälle im Schulsport verantwortlich machen - wie es "piti" durch die Beziehung innerhalb eines Satzes unterstellt? Obwohl der Kodokan weder inhaltlich noch organisatorisch etwas mit dem (staatlichen) Schulsport zu tun hat...

viele Fragen, auf die "piti" sicher die passende Antwort hat...

Jupp
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von tutor! »

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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Jupp »

Wenn man den Artikel liest, erhält man einen anderen Eindruck (betreffend der Tat, den Beitrag von Prof. Uchida, der Aussage von Rainer Hussong und der gesellschaftlichen Bedeutung des Urteils in Japan) als er durch den Beitrag von "piti" suggeriert wird...

Ich persönlich kann - als Sportlehrer an einer Schule, an der ich auch Judo unterrichte - im Zusammenhang mit Judounterricht, in keiner Hinsicht das Verhalten des Judotrainers gut heißen oder akzeptieren und finde die Anmerkung Prof. Uchidas, dass die Todesfälle zeigen würden, "dass es auch bei erfahrenen Trainern immer wieder zu unangemessenem Training und schwerwiegenden Verletzungen kommen könne" und "die Trainer sich der Gefahr einer Hirnverletzung bewusst und für die Notfallbehandlung vorbereitet sein" müssten im Zusammenhang mit pädagogisch angemessenem Verhalten als äußerst problematisch.

Denn dahinter steht ein unausgesprochenes Verständnis von Unterricht, dass ich in keinerlei Hinsicht teilen kann: "unangemessenes Training" zu sagen statt "vorsätzlicher körperlicher Züchtigung durch Anwendung körperlicher Gewalt eines Erziehungberechtigten" oder "für die Notfallbehandlung vorbereitet sein" statt eines Hinweises darauf, dass ein solches Verhalten ("den sechsjährigen (!!) Jungen im Training im vergangenen November mehrfach heftig zu Boden geworfen zu haben") für einen erfahrenen Erziehungsberechtigten kriminell ist.

Was allerdings der Kodokan mit der Angelegenheit zu tun hat, außer dass er auch in Japan liegt, erschließt sich mir immer noch nicht.

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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von piti »

"Jupp" schrieb:
viele Fragen, auf die "piti" sicher die passende Antwort hat...
jetzt soll ich dir, einen Experten, Judolehrer und Japankenner Antworten auf deine Fragen liefern? Nur weil du dich nicht informieren kannst oder willst?
Es gibt eine Vielzahl von Infos.


Mal einige Tipps:

- Wende dich persönlich an Universitätsprofessors Ryo Uchida zwecks genauere Auskunft
(Untersuchung von Ryo Uchida, Assistant Professor an der Aichi University of Education)

- In Japan gibt es eine Vereinigung von Eltern deren Kinder im Judosport zu Tode gekommen sind.
[Die Japan Judo Accident Victims Association (Japanische Vereinigung der Opfer von Judo-Unfällen)]

Was den Kodokan angeht:
In japanischen Schulen unterrichten natürlich nur Wald- und Wiesentrainer , was sonst, oder?
Vielleicht recherchierst du mal, wie viele von diesen Trainern im Kodokan ausgebildet worden sind und Ihrer Ausbildung im Kodokan einer Einstellung im Schuldienst verdanken.

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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Hofi »

piti hat geschrieben:Was kostet ein Mord an Kindern in Japan wenn man Judoka ist?
Antwort: 9800 Euro
Hi!
Wer einen Beitrag so einleitet, hat in meinen Augen eine gewisse "Bringschuld", was die Hintergrundinfos angeht.
Die Bezeichnung Mord ist, zumindest was deutsches Strafrecht angeht wohl kaum korrekt. Und wenn ich mich an die Studienzeiten richtig erinnern, haben die Japaner gerade im Beereich des Strafrechts bei einer der letzten Reformen so manches aus der deutschen Systematik übernommen. Ist aber ein paar Jahre her, kann mich also irren.
Körperverletzung mit Todesfolge wäre wohl der Tatbestand, den man hier heranziehen würde, macht in Deutschland immer noch (selbst bei einem minder schweren Fall) nicht unter einem Jahr. Wenn man es gut mit dem Trainer meint, könnte man noch auf fahrlässige Tötung kommen. Das ist aber etwas, was ich ohne Einsicht in die vollständige Akte nur aus Zeitungsberichten nie abwägen möchte.
Darüber, dass das Verhalten des Trainers in keiner Weise akzeptabel ist, brauchen wir wohl kaum diskutieren.
Bis dann
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von piti »

Hi
ist zwar OT, aber

Eine über alle Zeiten und Kulturen anerkannte Definition des Mordes gibt es nicht. Im Völkerstrafrecht wird Mord wegen der daraus resultierenden Abgrenzungsschwierigkeit zum Teil mit vorsätzlicher Tötung gleichgesetzt.

...... ] Mord ... ist die Tötung eines Menschen aus besonders verwerflichen Motiven, auf besonders verwerfliche Art und Weise .........[.....]
Wenn ein 36 jähriger Judolehrer ein 6 jähriges Kind so oft auf den Boden knallt bis das Kind verstirbt, ist das also kein Mord aus besonders verwerflichen Motiven?

Aber egal, ich möchte hier keine juristische Diskussion führen.
Mir geht es darum, wie die allgemeine Judowelt dieses Verhalten beurteilt. Wie äußert sich der Kodokan zu diesen Vorgängen. Kann man überhaupt noch die sogenannten Judowerte zitieren?

Der Gründer der Japanische Vereinigung der Opfer von Judo-Unfällen heißt Yoshihiro Murakawa und wird sicherlich fundierte "Hintergrundinfos" liefern.

piti

Nachtrag:
Hartnäckig hält sich die Meinung, ein Mord bedeute eine "vorsätzliche und mit Überlegung" ausgeführte Tötung. Diese Interpretation stammt allerdings aus der ursprünglichen Fassung des Reichsstrafgesetzbuches von 1871.
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Hofi »

piti hat geschrieben:Hartnäckig hält sich die Meinung, ein Mord bedeute eine "vorsätzliche und mit Überlegung" ausgeführte Tötung. Diese Interpretation stammt allerdings aus der ursprünglichen Fassung des Reichsstrafgesetzbuches von 1871.
Auch heutzutage gibt es noch keinen fahrlässigen Mord, zumindest nicht im StGB. Und auch wenn das Verhalten des Trainers vollkommen inakzeptabel ist, kann ich aus dem Artikel nicht erkennen, dass die Tötung auch nur "billigend in Kauf genommen wurde", wie es für die niedrigste Form des Vorsatzes nötig wäre.
Und auch wenn Du vielleicht keine juristische Diskussion führen willst, ist es für die Diskussion hilfreich, wenn Du fachlich korrekte Begriffe verwendest. Denn sonst kann man das Gefühl kriegen, dass es in Richtung Populismus neigt, und das tut fast keinem Thema gut.
Und nochmal: Du hast dieses Unterthema gestartet, da erwarte ich, dass wenn Du es ernsthaft diskutieren willst, selber Infos bringst und nicht auf irgendwelche Personen in Japan verweist.
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von piti »

Hi,
Du hast dieses Unterthema gestartet, da erwarte ich, dass wenn Du es ernsthaft diskutieren willst, selber Infos bringst und nicht auf irgendwelche Personen in Japan verweist.
Ok, hier eine Webseite auf der du alles nachlesen kannst.
http://judojiko.net/eng/
Unter Download findest du
1. Eine Liste aller Todesfälle während der Judo-Kurse und Aktivitäten unter der Aufsicht der Schulen in Japan.
2. Eine Liste der jüngsten Unfälle mit Bezug zu Judo in Japan - Berichte von Eltern der Opfer

Alles sehr ausführlich und nachprüfbar.
Ich werde nicht hier alles abschreiben bzw. kopieren, jeder kann sich das selbst durchlesen.
Es gibt auch Informationen von der Regierung, den Sportverbänden usw.
Zu Prof. Uchida hat sich ja Jupp ausführlich geäußert (volle Zustimmung meinerseits)

Das Thema hier heißt Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport .......
In Japan, dem Mutterland des Judo, scheint das normal zu sein.

Für heute bin ich erst mal raus, schönen Sonntag noch

piti
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Re: Missbrauch, Gewalt & Suizide im Leistungssport

Beitrag von Jupp »

Hallo piti,

vielen Dank für den hochinteressanten Link zur Seite der "Japanischen Judo-Unfall-Opfer Vereinigung". So stelle ich mir Mitarbeit in einem Judoforum vor!

Allein die Tatsache, dass es eine solche Vereinigung gibt, zeigt, dass es in japanischen Schulen (oder im japanischen Judo insgesamt?) viel Arbeit gibt, einen angemessenen, erzieherischen Judounterricht im Sinne Jigoro Kanos (nicht nur mit Kindern und Jugendlichen!) zu gestalten.

Ich habe alle Berichte kopiert und werde sie mir in den nächsten Tagen in Ruhe durchlesen.

Aktuell interessiert mich vor allem die Übersetzung des "Statements der 15 japanischen Judo-Athletinnen", die wohl alle in London 2012 aktiv gewesen sind. Auch hierzu nach Studium des Textes mehr.

Jupp
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