Tote Hose (Methodikentwicklung)

Hier geht es um die Trainingsgestaltung,-methodik,-formen.
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HBt.
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Tote Hose (Methodikentwicklung)

Beitrag von HBt. » 01.12.2016, 12:21

Einleitung

Irgendwie ist ja eigentlich alles langweilig geworden, wir sind übersättigt ... das Forum ist doof, wir können alles kaufen, sind überall und nirgendwo,
die einen in Japan, die anderen schreiben ein Buch, manche wandern ab - versuchen ihr Glück beim Iaido ... oder wo auch immer, spielen Schach, sehen fern.

Doch nichts bewegt sich mehr. Wie soll es mit unserem Judo (Dasein!) weitergehen? Nach vierzig bis fünfzig Jahren Judotraining auf und neben der Matte???
:dontknow

Neue Impulse sind gewünscht, und mehr kann man nicht tun, Impulse setzen. Dieses ist mehr oder weniger die Ausgangsbasis eines Versuches und eines zum Ausdruck gebrachten
Wunsches:

Aufbauend auf zwei Übungsabende Taijiquan gingen wir wieder auf die Matte, erwärmten uns mit ein paar speziell ausgewählten Yoga-Übungen (passend zu meinem Konzept*) und typischem Qigong,
"U-Boot Spezialcocktail" ...
Der von mir verwendete Übungsrahmen

war eine Randoriaufgabe, dabei ist das Ziel selbstverständlich das völlig freie und damit echte Randori.


Randori EINS


Zwei Körper erhalten einen Auftrag sowie einen Namen, Uke & Tori.

Beide sollen verschiedene Maxime unbedingt beachten:


1)
eine aufrechte Körperhaltung, mit frei beweglichen Gelenken sicherstellen, bzw. immer

wieder zu dieser Ausrichtung zurückkehren ===> auch Tori

2)
Toris Auftrag lautet,

- störe das Gleichgewicht von Uke

- nenne deinem Partner die Wurftechnik mit der Du erfolgreich sein willst, nur diese Nagewaza (vielleicht die Tokuiwaza) darfst Du anwenden / vorbereiten

- schalte den unbedingten Willen zur Exekution (das Kake) aus

- alle Strategien die Du bislang angewendet hast, sind verboten ... erinnere Dich: Uke kennt exakt Deine Technik und Wurfabsicht

- wenn alles klappt und Du das Gleichgewicht des anderen Körpers stören, manipulieren kannst, gehe einen Schritt weiter:

konzentriere Dich mehr auf die Vorbereitung (das Tsukuri), stimmt dabei das Kuzushi (also die gegenseitige Abhängigkeit) ... dann darfst Du werfen!


3)
Ukes Auftrag lautet,

- zerstöre nicht die Wurfabsicht des Tori, Du kennst die Technik und den Auftrag Toris ... sondern achte einzig und alleine auf Deine eigene Ausrichtung (lass alles zu!), beobachte Deinen Schwerpunkt

- spanne bewusst eine Unterstützungsfläche auf, setze Deine Füße bewusst, löse den Griff der Gelenke

===> kontrolliere das Zentrum (im Raum, es baut sich ein physikalisches System auf), nimm das Zentrum ein


ES FOLGEN Variationen, erweiterte und andere Formulierungen (auch zur Kumikata), sowie Partnerwechsel ...

z.B.

- wir erlauben Tori noch etwas mehr, als nur den Fokus auf einer einzigen Nagewaza (irgendwann darf er wieder alles tun, was er will ===> nur nicht zum Zeitpunkt des Randori EINS)

- mit wir meine ich den Uke ;-)

mittlerweile kontrolliert Uke nämlich das komplette Geschehen(!)

===> Uke bleibt im Zentrum des Systems, er übt sich im Zhong Ding.

Er sinkt, er wurzelt, er verschiebt den Schwerpunkt ---> er behält zu jedem Zeitpunkt sein eigenes Gleichgewicht.

Alles ohne eigene Wurfabsicht, immer mit der Maxime: nichts zu zerstören, er lässt Tori machen was dieser will (das ist der Auftrag und die Illusion für unseren Partner) ...

die bekannten Meidbewegungen und Handlungen sind mir nicht erlaubt
(ich muss sie fallen lassen, loslassen --> dazu brauche ich Toris Hilfe, er sollte in diesem Stadium keine Impulse übertragen und auslösen,
weil ich dann durch kleinste Bewegungen und Handlungen der Hände, seine Wurfabsicht erfolgreich zerstören werde ... zerstören ist aber verboten. Zerstöre ich, habe ich verloren, weil ich damit automatisch die momentane Marschrichtung verlasse.)



Die erste Lektion lautet:

Ich kann nicht geworfen werden, wenn ich das ZENTRUM des Systems einnehme und kontrolliere

===> ich selbst werde zu diesem Punkt, alles dreht sich um diesen Punkt

==> spiele ich das Spiel des Anderen, gelten auch andere Gesetze ... ich verlasse damit das Taijiquan (wir kämpfen um den Ippon) und das Muster des Zhong Ding

=> die benannten Rollen haben sich in ihrer Dimension getauscht,

Tori ist zum Uke geworden und Uke zum Tori ... denn Tori empfängt plötzlich und ist damit Uke. Er rennt gegen das Zentrum, er läuft darum herum (merke: der innere Kreis kontrolliert den äußeren Kreis)


Daraus
ergeben sich naturgemäß viele Fragen und Aufgabenformulierungen für das weitere Judotraining.


Die Resonanz der Teilnehmer war außerordentlich positiv; die Gruppe ist gemischt (jung und alt, vom 4. Kyu bis zum 5. Dan, alles dabei), keine Leistungssportler, aber ein paar junge Stürmer sind dabei (das Zugeständnis an sie, war ein Bodenrandori mit ähnlicher Marschrichtung / Verhaltensregeln, erlaubt war dabei beinahe alles ... mit und ohne Jacke, ich trug keine ---> ein Zugeständnis an den Willen zum Austoben, so etwas passt aber nicht besonders ins Konzept. Hier muss man vorsichtig sein, sonst ist der gewünschte Effekt wieder weg).

Das größte Problem: die gewählte Manipulation durch Sprache, benötigt Hilfe / Unterstützung ... man muss als ÜL alle Einheiten mitmachen und als Bewegungs/Lösungsbeispiel dienen ... kurze Unterbrechnung - und demonstrieren, beispielhaft mit dem Partner zeigen was ihr gerade tut.

Das obige Zitat schickte ich am Morgen danach an einen Freund (es ist seine Trainingsgruppe, es sind seine Schüler), ich fasste kurz als E-Mail zusammen, ... 120 Minuten üben (mit vielen Partnerwechseln, passend zu den Aufgaben, man muss sich Zeit nehmen, so das man mit unterschiedlichsten Typen spielt). Das Randori EINS war dabei der Hauptteil.



#
Diskussionen, Fragen, Ergänzungen, ähnliche Vorgaben ...?!

Wie gestaltet Ihr einen außer Haus Übungsabend?


Gruß,
HBt.


*Mein Ziel, mein Konzept verrate ich zu diesem Zeitpunkt nicht ;-)
"endlich nach belieben werfen können, ohne Mühe, jederzeit - oder es einfach seinlassen ... wer weiß"

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Re: Tote Hose (Methodikentwicklung)

Beitrag von Fritz » 01.12.2016, 13:13

HBt. hat geschrieben:Doch nichts bewegt sich mehr. Wie soll es mit unserem Judo (Dasein!) weitergehen? Nach vierzig bis fünfzig Jahren Judotraining auf und neben der Matte???
Da solltest Du Dich mal mit Jupp austauschen und seinen Projekt bzgl. "Bewegt älter werden mit Judo" ;-)

Deine Randori-Aufgabe erinnert mich stark an Yakusoku-Geiko ... und ganz selbstkritisch muß ich anmerken, daß ich diese Übungsform auch wieder mehr in die Trainingstage
einfließen lassen müßte ...
HBt. hat geschrieben:Wie gestaltet Ihr einen außer Haus Übungsabend?
Ungern, äußerst ungern ...
hängt auch immer von den Teilnehmern ab, und glücklicherweise komme ich nicht oft in die Verlegenheit ...
Mit freundlichem Gruß

Fritz

HBt.
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Absprache(n)

Beitrag von HBt. » 01.12.2016, 17:05

Für mich gibt es eine eindeutige Antwort, es ist Randori, eine Randoriform*. Beim Yakusoku werfe ich auch, immer ... vieles ist dabei entsprechend konditioniert, so das es funktioniert. Dieses Erfolgserlebnis hat man bei meiner Aufgabenformulierung / Steuerung leider nicht, das ist ziemlich hart ... selbst ohne das Wissen (was wird der andere tun, beabsichtigt er "wie"), mit einer vollen Bandbreite an Kombinationen ... fällt kaum einer.

Es wird grundsätzlich dabei sehr wenig geworfen.

Sutemiwaza sind zu diesem Zeitpunkt (gar) nicht erlaubt, es passt einfach nicht in das Konzept, "vergleichbar mit dem vom Tisch fegen des Spielbrettes" ... auch der unbedingte Wille zum Wurf verändert ungünstig den Spielaufbau; er verhindert bei denen, die dieses Spiel noch nicht so gut spielen können, jegliche Entwicklung in die gewünschte Richtung - sie lernen das Spiel dann nie.
Da solltest Du Dich mal mit Jupp austauschen und seinen Projekt bzgl. "Bewegt älter werden mit Judo" ;-)

Ich würde mich freuen nicht nur von 'Jupp' Input und Response ...

Das Altersspektrum der Gruppe reicht von knapp 14 Jahren bis 60 Lebensjahren, ich finde die Zusammenarbeit sehr spannend und gerade für den Verantwortlichen extrem schwierig und anspruchsvoll.

*manchmal erinnert sie aber stark an Yakusoku-Geiko (wenn man davon hört oder liest, tut man es - und sieht es, ist es das aber nicht), das räume ich ein. Hierbei denke ich aber immer an 1-2-3 (vor, zurück, Richtungswechsel, hoch-tief-hoch, wenn-dann ...) werfen == Kata.

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Re: Tote Hose (Methodikentwicklung)

Beitrag von Fritz » 01.12.2016, 23:59

HBt. hat geschrieben:Es wird grundsätzlich dabei sehr wenig geworfen.
Hmm, aber ist das nicht eher ungünstig?
Das Problem (so wie ich es sehe) ist ja, daß eigentlich zu wenig geworfen wird und deshalb unsere Üblinge einfach nicht
das Gespür entwickeln, wann die Situation für einen Wurf da ist (bzw. wie diese geschaffen werden kann) und sie sich im
Randori sich dann lieber gegenseitig die Wurfansätze gegenseitig kaputt, um
dann im Wettkampf recht verkrampft u. unflexibel zu agieren...
HBt. hat geschrieben:*manchmal erinnert sie aber stark an Yakusoku-Geiko (wenn man davon hört oder liest, tut man es - und sieht es, ist es das aber nicht), das räume ich ein. Hierbei denke ich aber immer an 1-2-3 (vor, zurück, Richtungswechsel, hoch-tief-hoch, wenn-dann ...) werfen == Kata.
Das wäre Nage-Komi oder so...
Yakusoku-Geiko sage ich meinen Leuten immer so an: Bewegen wie im Randori, Tori darf werfen, Uke darf ausweichen aber nicht blocken (in der Regel) und auch nicht kontern,
nach erfolgreichem Wurf ist Rollentausch - und das Ziel sei, viel zu werfen.
Eine weitere Ansage ist bspw., daß ein Wurf nicht zweimal hintereinander je Person geworfen werden darf...
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Zwei wichtige Punkte

Beitrag von HBt. » 02.12.2016, 09:54

"Bewegen wie im Randori"
Fritz hat geschrieben: Das wäre Nage-Komi oder so...
Yakusoku-Geiko sage ich meinen Leuten immer so an: Bewegen wie im Randori, Tori darf werfen, Uke darf ausweichen aber nicht blocken (in der Regel) und auch nicht kontern,
nach erfolgreichem Wurf ist Rollentausch - und das Ziel sei, viel zu werfen.
Eine weitere Ansage ist bspw., daß ein Wurf nicht zweimal hintereinander je Person geworfen werden darf...
Das ist ein gutes Aufgaben - u. Rollenbeispiel, hierbei geht es u.a. um das (freie) Werfen aus der Bewegung. Auch das WIE ich mich dabei bewege ist frei. Jeder der beiden Partner kommt zum Zug ... finde ich gut. Mit diesem Ausgangspunkt kann man gut arbeiten - und beliebig erweitern.
Hmm, aber ist das nicht eher ungünstig?
Das Problem (so wie ich es sehe) ist ja, daß eigentlich zu wenig geworfen wird und deshalb unsere Üblinge einfach nicht
das Gespür entwickeln, wann die Situation für einen Wurf da ist

Ja, genau so sehe ich das auch - deshalb geht es mir im ersten Schritt exakt darum. Es geht ums Spüren. Fühlen, nennen wir es Wahrnehmung: tatsächlich auf mich (dem Uke) bezogen und auf Tori.

- Uke stellt dabei fest, warum er geworfen werden kann, bzw. wann er eben nicht mehr (nur noch schwer) geworfen werden kann
- Tori stellt im Gegenzug fest, ich kann nicht werfen

abhängig ist das Szenario von der Einstellung, Körperhaltung und der Art wie ich mich bewege ... dabei muss ich mich entspannen und loslassen können, d.h. ich ruhe quasi ... "es ist mir total egal ob ich geworfen werde, ich möchte die ganze Zeit über wissen, wo befindet sich mein KSP, welche äußeren Kräfte manipulieren ihn (wann mache ich einen Fehler), meine Hände, Arme ... sind Antennen ---> ich kopple mich an Toris Zentrum, ich manipuliere (neutralisiere permanent).

Es ist sehr komplex. Auf einen Seite gibt es diesen komischen sicheren Abstand, aber auch ein Zentrallinien-Konstrukt (aus dem kommerziellen SV-Bunker), sagen wir dazu Positionen / Ausrichtungen (individuelle). Zwei Körper! sie interagieren. Doch ich spüre die Intention, jeden Druck, jeden Zug ... noch bevor er Wirkung zeigen könnte - und neutralisiere, lässt Tori seinen Schwerpunkt fallen, tue ich das auch ... u.s.w.
(bzw. wie diese geschaffen werden kann) und sie sich im
Randori sich dann lieber gegenseitig die Wurfansätze gegenseitig kaputt, um
dann im Wettkampf recht verkrampft u. unflexibel zu agieren...
Es ist ein Wahrnehmungsspiel. Bei dem es exakt darum geht, die standardisierten Muster zu löschen / zu bearbeiten. Der Rahmen (das Spielbrett) dafür ist das deutlich eingeschränkte Randori (Regeln). Ein erster Schritt innerhalb eines Transfers.

'Fritz',
Du schreibst es ja selbst:
- gegenseitig kaputt
- recht verkrampft
- unflexibel ...

Unser Ziel und Wunsch ist aber exakt das Gegenteil zu bewirken und ein gänzlich entspannteres Gefühl zu etablieren - umschalten kann man jederzeit, im Bruchteil einer Sekunde.

Weil ich selbst nicht so genau weiß, wie ichs benennen soll, nenne ich es Randori EINS ... für den ersten Schritt in eine neue Welt.

Schwierig :oops: man muss es fühlen, spüren

Gruß,
HBt.

PS
Vielleicht könnte ein weiterer Diskutant RANDORI definieren und die Art, wie man sich innerhalb dieser Übungsform bewegt, beschreiben?!

HBt.
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Ergänzung

Beitrag von HBt. » 02.12.2016, 10:14

Es hört sich immer alles etwas hochtrabender an, als es in Wirklichkeit ist.

Ein Feedback aus den Reihen der Teilnehmer war zum Beispiel: das alleine die Aufgabenformulierung mittels Sprache sehr schwer zu verstehen ist - und zwar hinsichtlich des Erkennens "was will der ÜL jetzt genau von uns".
Also 'verstehen wollen' und dabei schon das Ziel suchen, die Absicht, das große Rätsel ... ok, eigentlich ist doch klar 'was und wie'. Akustisch haben wir es verstanden, nur wie soll es denn gehen, wie funktioniert der Quatsch ...

Man muss sich darauf einlassen, auch auf das Spiel, dass der ÜL spielt. Er nimmt sich "eh" im Laufe des Spiels zurück und spielt mit (übt selbst).
Nach ein paar Minuten positiver Verwirrung (Spielbeginn) hat es perfekt funktioniert, man muss eben auch zeigen (wie man die Aufgabe / Rolle selbst umsetzt) ... während des Verlaufes.

Am besten denkt man dabei weder an Nagekomi noch an Yakusoku-Geiko, denkt gar nicht ... sondern fühlt ;-)

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Ausblick

Beitrag von HBt. » 02.12.2016, 10:51

Als nächstes sollte eine Reflektion stattfinden,
wie muss ich mich bewegen (?) um eine bestimmte Situation zu schaffen - damit ich endlich (doch) werfen kann ... ohne Brutalität, die Explosion erfolgt erst im Moment des Kake (wenn ich dieses will, also Effektivität, maximale Effizienz).

Hierzu würde ich u.a. eine andere Übungsform wählen. Aber nicht vergessen, mein Beispiel bezieht sich auf ein Gastspiel.

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