Selbstvertrauen lehren und lernen

Hier geht es um die Trainingsgestaltung,-methodik,-formen.
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MoeZarella
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Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von MoeZarella » 16.07.2015, 11:30

Hallo,

im Voraus schon einmal: tut mit leid, wenn es dieses Thema schon gibt. Ich habe nichts gefunden dazu.
Nun zu meinem Problem: Ich bin schon langjährige Trainerin (C-Lizenz) und habe immer mittelgroße Gruppen. Im Moment habe ich mehrere Kinder mit Problemen mit ihrem Selbstvertrauen. Nach jeder Übung, jedem Randori etc. sagen diese Kinder "ich kann das ja eh nicht", " der andere ist nur gefallen, weil er nett sein wollte", "der ist sowieso viel stärker als ich, warum soll ich ernsthaft mit ihn Randori machen?"
Ich muss ehrlich sagen, dass ich selten solche Kinder beim Judo hatte und deshalb etwas ratlos bin, was ich mit denen jetzt anstellen soll. Das Ding ist nämlich: Die sind alle nicht schlecht - teilweise sogar ziemlich gut, aber das sehen sie nicht und erzielen deshalb wohl auch keine Erfolge (und wenn, reden sie sich die schlecht).
Habe den Kindern schon mehrmals Mut gemacht und gut zugesprochen, dass sie auch schon mal gegen erfolgreiche Wettkämpfer aus dem Verein ein Randori ehrlich gewonnen haben. Aber das glaubt man mir und den Sportskameraden nicht...
Ich bin langsam mit meinem Latein am Ende, will diese Kinder aber auch nicht aufgeben.

Zur Erläuterung, es sind insgesamt 3 Kinder:
Ein Junge, 7 Jahre, Weißer Gürtel
Ein Junge, 9 Jahre, Gelber Gürtel
Ein Mädchen, 12 Jahre, Gelber Gürtel
Diese Kinder sind vor allem durchaus athletisch gebaut. Haben also keinerlei körperliche Einschränkungen im Training.

Danke schon einmal im Voraus für den Rat,

~Moe
Zuletzt geändert von MoeZarella am 17.07.2015, 01:42, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von Ronin » 16.07.2015, 12:21

Ich frage mich gerade, welches Problem du eigentlich lösen möchtest? Lass sie doch reden, ich glaube der schlimmste Fehler, den du machen kannst, ist hier zu "überbehüten". Du musst doch gar nicht auf alles reagieren, aber vielleicht verstehe ich die Situation ja zu wenig.

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von tutor! » 16.07.2015, 12:46

Es gibt eine Menge Strategien, wie man die Aufmerksamkeit eines Trainers auf sich ziehen kann......
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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von Fritz » 16.07.2015, 14:00

Also ein Randori gewinnt man nicht.

Ansonsten kann man gelegentlich eine Vortrag vor der Gruppe halten, über den Sinn des Randoris gerade in den Konstellationen
wenn man a) stärker, b) schwächer oder c) in etwa gleich gut ist.
Gab mal einen Artikel im Judomagazin zu dem Thema, wo die Ausführungen eines japanischen Judokas dargelegt wurden... Jupp oder tutor!
haben bestimmt ein Textkopie des Aufsatzes irgendwo rumliegen.

Damit wissen sie dann, was Sache ist.
tutor! hat geschrieben:Es gibt eine Menge Strategien, wie man die Aufmerksamkeit eines Trainers auf sich ziehen kann......
Und wenn das dumme Gefasel dieser Kinder losgeht,
einfach noch einmal deutlich die Übungsaufgabe: "Randori jetzt mit XXX" benennen und jede weitere Meinungsäußerung ignorieren.
Erfolgt eine Übungsverweigerung - dann diese auch erstmal weitestgehend ignorieren und später dann Konsequenzen ziehen bzw.
das Training für die Verweigerer als beendet erklären und sie zum Zuschauen verdonnern für die restliche Zeit...
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von tutor! » 16.07.2015, 14:27

Fritz hat geschrieben:(...) einfach noch einmal deutlich die Übungsaufgabe: "Randori jetzt mit XXX" benennen und jede weitere Meinungsäußerung ignorieren (...).
Ich bin zurzeit in einer ziemlich bekannten Judoschule zu Gast. Gestern Abend war das erste Training (für mich). Als das Abendtraining begann - hat mich als erstes eine der Trainerinnen - eine liebenswerte ältere Dame - gebeten, mit Ihr eine Kata zu machen, um dann anschließend zwei Schützlingen die klare Anweisung zu geben, dass das nächste Randori mit mir zu machen sei.... zur Erklärung: es ist dort freies Training im Wortsinn. Am Mattenrand werden Uchi-komi gemacht oder Techniken geübt, in der Mattenmitte ist Randori. Randori beginnt nicht für alle gemeinsam, sondern das wird zwischen den Paaren ausgehandelt. Auch die Dauer ist nicht reglementiert. Jede(r) macht, wie er/sie es kann und möchte. Es ist die lockerste Form die ich in der Judowelt kenne, aber eine, die definitiv Spaß macht.

So, wie es die Trainerin angesagt hat, war es dann auch. Die Auserkorenen konnten sich dann noch die Reihenfolge aussuchen, in der Sie mit mir Randori machen durften, aber das war es auch schon. Hier gibt es bei aller organisatorischen Offenheit keine Debatten. Und Widerworte schon gleich gar nicht.
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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von MoeZarella » 17.07.2015, 01:36

Hallo,

danke schon einmal für die vielen Antworten. Das Problem ist ja nicht, dass die sich dann verweigern, sondern schlichtweg Angst (oder zu wenig Mut, Selbstbewusstsein, oder was auch immer) haben, auch mal gegen gleich gute oder bessere Judoka zu kämpfen. Das sieht man dann auch an der Art, wie sie kämpfen (halt sehr defensiv).
Meint ihr wirklich, dass das nur Aufmerksamkeitsgehasche ist? Wenn ja, muss ich einfach mal probieren, sowas zu ignorieren. Ich möchte halt, und gerade bei den kleinen, den Spaß am Randori (und vor allem am Judo) vermitteln. Dass das von dem einen Mädchen eventuell pubertäres Gehabe sein könnte, habe ich mir schon fast gedacht (gerade weil das bei ihr nur kommt, wenn sie mit Jungs kämpft).
Meint ihr ehrlich, dass ich da ein wenig zu sehr "glucke" bei den #jüngeren? :S

~Moe

P.S.: Natürlich kann man kein Randori gewinnen, es ging bei dem Beispiel um einen Kampf in einem kleinen Übungsturnier, als Vorbereitung für Wettkämpfe. Also wie man dort die Matte betritt, wer den roten und wer den weißen Gürtel trägt, etc. ;-)
War eventuell etwas unglücklich ausgedrückt von mir. ;-)

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von MoeZarella » 17.07.2015, 02:02

Achso, ein Beispiel noch das mir gerade einfiel und die Situation auch noch ganz gut beschreiben könnte:
Der erste Junge (hat den weißen Gürtel, ich hatte mich verschrieben beim ersten Beitrag) sollte zu seiner ersten Gürtelprüfung antreten mit den anderen Kindern, mit denen er Judo angefangen hat.
Ich hatte es bisher immer nur, dass sich die Kinder tierisch darauf gefreut haben, das Erlernte ihren Eltern und dem Prüfer zu demonstrieren und endlich den ersten Gürtel zu bekommen. Nun habe ich den Kindern natürlich (und auch voller Vorfreude von mir :D) den Termin bekannt gegeben und die Prüflinge, die die Prüfung bestreiten konnten, benannt. Dieser Junge meldete sich und sagte, dass er nicht teilnehmen wolle: "ich kann das nicht".
So habe ich den Jungen dann nach dem Training (die Bekanntgabe war eh am Ende der Trainingseinheit) geschnappt und ihn gefragt, ob er wirklich nicht wolle... " nein"... Ich habe ihm dann klar gemacht, dass die nächste Prüfung erst in einem halben bis dreiviertel Jahr sei und ihn darauf hingewiesen, dass er ohne den weiß-gelben Gürtel nicht an Wettkämpfen teilnehmen könne. Er wollte vehement nicht.
Ich habe ihn dann in den darauf folgenden Einheiten noch ein paar mal nach dem Ende der Stunde kurz gefragt, aber die Antwort war immer die selbe.
Ich wollte ihn dann nicht zwingen, weil ich dachte, ich mache die Sache nur noch schlimmer... Und er nahm tatsächlich nicht an der Prüfung teil. Das gibt mir halt auch zu denken, weil das nicht die typisch kalten Füße vor der Prüfung waren - da bekommt man die Kinder ja schnell wieder ruhig. ;-)

Übrigens toll, dass es dieses Forum hier gibt und man sich mit langerfahrenen Trainern kurzschließen kann. :)

~Moe

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von Ronin » 17.07.2015, 09:17

naja, wenn er keine Prüfung machen will, klär in über die Konsequenzen auf und lass ihn (aber lass die Türe offen, falls er sich es anders überlegt). Mehr kannst und musst du auch nicht tun. Solche Kinder gibt es, manchmal kriegen die sich wieder ein und schwimmen mit, anderen kannst du leider nicht helfen, die werden sich irgendwann in Luft auflösen (meine Vermutung ist immer, dass die aus einem gluckenhaften Elternhaus kommen, wo ihnen alles abgenommen wird. Die kommen natürlich nicht mit einer Prüfungs-/Wettkampfsituation klar, in der sie selber liefern müssen).

Sagteermitfast25JahrenErfahrungalsTrainerundwandtesichdenSchülernzudenenerwirklichhelfenkonnte

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von tutor! » 17.07.2015, 10:59

MoeZarella hat geschrieben:(...) Meint ihr wirklich, dass das nur Aufmerksamkeitsgehasche ist?
Nein, nicht zwangsläufig - aber das könnte es sein.
MoeZarella hat geschrieben:Wenn ja, muss ich einfach mal probieren, sowas zu ignorieren.
Das wäre mein Tipp ;)
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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von Kumamoto » 17.07.2015, 17:49

Kennst Du die Wettkampfform "Japanisches Turnier"?
Da fangen die beiden Leichtesten (oder Schwächsten) an- der Gewinner bleibt drin, der Verlierer scheidet aus. Maximal hat jeder 3 Kämpfe.
So fangen sie gegen vermeintlich Schwächere an und kämpfen sich dann hoch.
Beim nächsten Mal kannst du sie eine Stufe höher "setzen"- damit zeigst Du (ihnen), dass Du sie als stärker als beim letzten Mal einschätzt. Das ist auch eine Art von Bestärkung.

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von Kumamoto » 17.07.2015, 17:52

Ich hatte es bisher immer nur, dass sich die Kinder tierisch darauf gefreut haben, das Erlernte ihren Eltern und dem Prüfer zu demonstrieren und endlich den ersten Gürtel zu bekommen. Nun habe ich den Kindern natürlich (und auch voller Vorfreude von mir :D) den Termin bekannt gegeben und die Prüflinge, die die Prüfung bestreiten konnten, benannt. Dieser Junge meldete sich und sagte, dass er nicht teilnehmen wolle: "ich kann das nicht".
So habe ich den Jungen dann nach dem Training (die Bekanntgabe war eh am Ende der Trainingseinheit) geschnappt und ihn gefragt, ob er wirklich nicht wolle... " nein"... Ich habe ihm dann klar gemacht, dass die nächste Prüfung erst in einem halben bis dreiviertel Jahr sei und ihn darauf hingewiesen, dass er ohne den weiß-gelben Gürtel nicht an Wettkämpfen teilnehmen könne. Er wollte vehement nicht.
Ich habe ihn dann in den darauf folgenden Einheiten noch ein paar mal nach dem Ende der Stunde kurz gefragt, aber die Antwort war immer die selbe.
Ich wollte ihn dann nicht zwingen, weil ich dachte, ich mache die Sache nur noch schlimmer... Und er nahm tatsächlich nicht an der Prüfung teil.
Sage ihm, er solle bei der Prüfung zuschauen. Dann kannst Du ihm zeigen,
dass da nichts Unmögliches erwartet wird,
der Prüfer keine Kinder frisst und das, was er kann, ja bei den anderen auch zum Bestehen der Prüfung ausreicht ;-)

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von MoeZarella » 18.07.2015, 01:50

Kumamoto, das sind Klasse Ideen. Der Junge hat schon bei der Prüfung zugeschaut und heute meinte seine Mutter, dass er "auf jeden Fall" bei der Prüfung und bei den Wettkämpfen, die auch für die Weißgurte sind, dabei ist. Glaube, dass der Junge schon Lust auf Judo hat, aber Mutti sich da für ihn zu hart reinhängt. :S
Ja, ich kenne das "japanische Turnier", habe die Kinder allerdings immer nur nach Körpergröße eingeteilt. Dein Vorschlag macht irgendwie mehr Sinn und ich werde es bei der nächsten Gelegenheit gleich ausprobieren.
Wenn das nichts helfen sollte, werde ich wohl mal dem Rat der anderen nachgehen und einfach mal weniger... Glucke... Sein :P

:danke an alle :)

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Re: Selbstvertrauen lehren und lernen

Beitrag von Ronin » 20.07.2015, 10:03

Ronin hat geschrieben:meine Vermutung ist immer, dass die aus einem gluckenhaften Elternhaus kommen, wo ihnen alles abgenommen wird.
und
MoeZarella hat geschrieben:Glaube, dass der Junge schon Lust auf Judo hat, aber Mutti sich da für ihn zu hart reinhängt.
sag ich doch...
Unser Job als Trainer ist manchmal eben auch aus den "Weicheier" ein bisschen was "Härteres" zu formen. Verhätscheln hilft da nicht immer. Das ist, zumindest glaube ich das zwischenzeitlich, weniger eine Problem der konkreten Übungsformen, sondern eher ein Problem meiner eigenen Einstellung als Trainer (wenn die stimmt, kommen die Übungen ganz von alleine).

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