Atemi - wann und wie?

Hier geht es um die Trainingsgestaltung,-methodik,-formen.
HBt

Atemi - wann und wie?

Beitrag von HBt » 17.02.2009, 19:52

Einleitend zwei Zitate:
J. Kano, 1937, Judo/Jujutsu, Board of Tourist Industry, Japanese Government Railways hat geschrieben:Now we can take up the practice of Randori, and following the principle of physical education we will observe the rule that a moderate exercise should come before a strenuous exercise, as well as a symmetrical exercise before a irregular exercise.
Furthermore we can not learn the art of “Atemi” (an attacking using hitting, poking, kicking, etc.) only by the practice of Randori*. Hence it is advisable to practise the technique of Atemi with Randori.
As the individual exercise of “Seiryoku Zenyō Kokumin Taiiku” or “the national physical education based on the principle of maximum-efficiency” combines the principle of physical education with the art of Atemi, it should be practised before the study of Randori is begun.
*Randori muß hier bestimmt durch Kata ersetzt werden. Fehlerteufel!?
Kodokan Judo, ISBN 4-7700-1799-5 hat geschrieben:Unlike throwing and grappling techniques, striking techniques are never used in competition, due to the likelihood of injury. They are usually practiced in kata form.
Usually: Normalerweise als Kata, aber nicht ausschließlich, demzufolge als Randori oder Uchikomi ...

1) Würde mich interessieren wie die Atewaza sinnvoll wiederbelebt werden können? Ab wann, mit wem, wie?

2) Eine Frage zum folgendem Zitat: WO SIND SIE? In der offiziellen Broschüre von K. Hanelt tauchen sie nicht auf.
Judo Memoirs, by B. N. Watson, p173 hat geschrieben:Go no kata(..) the techniques are performed in jigotai (defence posture) and include throws, strangles, wrist and arm locks and atemiwaza. This kata is intended to demonstrate the correct use of strenght in contrast to the principle (..) demonstrated in Ju no kata.
Die Atewaza.

Jupp
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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von Jupp » 17.02.2009, 21:14

Ich weiß auch nicht, wo sie sind - ich würde sie aber direkt neben dem bisher verborgenen Geheimnis der nicht entdeckten Struktur der Gokyo suchen...:ironie3 :P

Jupp

P.S. Tut mir leid, aber das konnte ich mir einfach nicht verkneifen - bitte nicht als bösartige Attacke, sondern nur als eine kleine "Gemeinheit" werten. :dontknow

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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von tutor! » 17.02.2009, 23:10

HBt hat geschrieben: 2) Eine Frage zum folgendem Zitat: WO SIND SIE? In der offiziellen Broschüre von K. Hanelt tauchen sie nicht auf.
Judo Memoirs, by B. N. Watson, p173 hat geschrieben:Go no kata(..) the techniques are performed in jigotai (defence posture) and include throws, strangles, wrist and arm locks and atemiwaza. This kata is intended to demonstrate the correct use of strenght in contrast to the principle (..) demonstrated in Ju no kata.
Die Atewaza.
In der mir (nur oberflächlich) bekannten Version der Go-no-Kata gibt es auch keine Hebel. Diese hieß früher ju-go-no-kata und wurde von Kano in seinem Vortrag von 1889 erläutert (im Niehaus nachzulesen). Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es in der Geschichte mehrere verschiedene Go-no-Kata gegeben hat, so dass hier möglicherweise von einer anderen Kata die Rede ist.
I founded a new system for physical culture and mental training as well as for winning contests. I called this "Kodokan Judo",(J. Kano 1898)
Techniques are only the words of the language judo (Cichorei Kano, 24.12.2008)

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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von Fritz » 18.02.2009, 00:21

HBt hat geschrieben:2) Eine Frage zum folgendem Zitat: WO SIND SIE? In der offiziellen Broschüre von K. Hanelt tauchen sie nicht auf.
Judo Memoirs, by B. N. Watson, p173 hat geschrieben:Go no kata(..) the techniques are performed in jigotai (defence posture) and include throws, strangles, wrist and arm locks and atemiwaza. This kata is intended to demonstrate the correct use of strenght in contrast to the principle (..) demonstrated in Ju no kata.
Die Atewaza.
Der Absatz befindet sich im Glossar der Memoiren. Ich gehe davon aus, daß es sich nicht
um ein Kano-Zitat handelt. Zum Thema Go-No-Kata gibt es ein Unterverzeichnis im
englischsprachigen http://www.judoforum.com . Ist sehr interessant und lesenswert.

Ansonsten gibt es die Seiryoku zenyo kokumin taiiku.
Da sind die Atemi mit Sicherheit drin und könnten rausgeholt werden ;-)
HBt hat geschrieben:1) Würde mich interessieren wie die Atewaza sinnvoll wiederbelebt werden können? Ab wann, mit wem, wie?
Meiner Meinung nach kann man Atemi-Grundlagentraining ("Schattenboxen", oder gegen
Polster o.ä.) gut in die Erwärmung einbauen, (*)
damit würden man sogar im Sinne Kanos handeln - o.g. Seiryoku zenyo kokumin taiiku wurde
ja auch für den Zweck der Leibesertüchtigung geschaffen. Das können alle mitmachen,
es kann regelmäßig geschehen.
Nächste Stufe wäre dann das Üben festgelegter Atemi mit/am Partner - einschließlich
kleiner Spielchen, (**) hier ist natürlich die Voraussetzung, daß die Grundlagen halbwegs
sitzen und die Leute auch genau
das machen, was sie sollen ;-) Kann immer noch im Rahmen einer Erwärmung oder ähnliches geschehen.
Klappt das und ist man sich sicher, daß kein Blödsinn gemacht wird, können
die entsprechenden Nervenpunkte als Atemi-Ziele besprochen und geübt werden.
Nun ja und bei Interesse kann dann mit Randori gearbeitet werden in der üblichen
Verfahrensweise beginnend mit Aufgabenstellungen bis hin zum freien Agieren.
Hier sollten wirklich nur fortgeschrittenere Leute, die es auch wirklich wollen, "herangelassen" werden.
Sollte es sich aus trainingstechnischen Gründen trotzdem als notwendig erweisen,
nicht so fortgeschrittene Judoka diese Art Randoris durchführen zu lassen, dann ist es ratsam,
ihnen als Partner unbedingt jemand Fortgeschrittenen zuzuweisen (der sich dann
"runterdreht" - aber in der Lage ist, die Situation jederzeit zu kontrollieren). (***)

(*) Erwärmung: Hier kann man mit Schlag- und Trittübungen wie in der S-Z-K-T arbeiten,
Hübsch ist auch die Lernfolge für Mae-Geri (hab ich von Alain Cartigny):
Erst aus dem Liegen, dann aus dem Knien, dann im Stehen...
Ebenfalls recht anstrengend ist Kniebeuge-Tritt-Kniebeuge-Tritt usw...
oder Kniestand (ein Bein aufgestellt), Aufstehen, Treten mit Schritt, wieder runter in den
Kniestand... (also sich so vorwärts oder rückwärts über die Matte bewegen).
Eine gute Gleichgewichtsschulung ist auch das Ausführen mehrerer Tritte in verschiedene
Richtungen hintereinander ohne das Bein abzusetzen...
Aufrechtstehende Weichbodenmatten lassen sich auch gut als Schlagpolster nutzen...

(**) Am Partner: Wenn man Medizinbälle hat, kann man diese in klassischer Boxermanier
benutzen: Einer hält, der andere haut...
Ein kleine Spielchen zum Zielen geht
mit Schlappen/Badelatschen, ein Partner hält diese in wechselnden Positionen u. Richtungen
in die Luft und der andere soll schnell draufschlagen oder treten,
je nachdem was günstiger ist. Dabei solle er zu häufigen Platzwechseln animiert werden.
Das schlaucht ungemein.
Zur Not geht auch das Hinhalten der Handfläche als Ziel, hier sollte nicht allzu hart geschlagen
werden, dafür aber präzise...

Eine weitere Partnerübung ist, den Übungspartner mit "geschobenen" Fußtritten über die
Matte zu bewegen, also Uke stellt sich stabil hin und Tori setzt aus passendem Abstand (den
es herauszufinden gilt ;-) ) Mae-Geri oder irgendeinen anderen geraden Tritt auf dem Bauch in
Gürtelhöhe an und entfaltet dann erst seine Kraft um Uke wegzuschieben, ohne selbst
umzufallen. Damit erreicht man erstmal etwas Distanzgefühl, baut die Hemmung ab ohne
Polster direkt am Gegenüber zu arbeiten und Gleichgewicht, "Bauchgefühl" wird geschult...
Wenn die Grundidee gut umgesetzt wird, geht es auch mit Fausstößen und Ellbogentechniken.
(Nicht geeignet sind kreisförmige Tritte und Schläge, da hier der Körper(schwerpunkt) des
Ausführenden nicht in Schlagrichtung hinter dem "Schlagwerkzeug" steht)

Etwas härter ist dann das sogenannte "Makiwara-Training" am Partner: einer ist der
"Makiwara", der andere darf leicht beginnend und dann immer stärker werdend auf den
"Makiwara" schlagen. Es sind dabei nur Ziele erlaubt, wo der "Makiwara" durch
Muskelkontraktion den Schlag schadlos abfangen kann
(also z.B. Bauchmuskeln, Gesäß, Bizeps usw.) Ziel ist hierbei, instinktive "Nehmerqualitäten"
zu entwickeln, anfangs wird der "Makiwara" noch angewiesen, immer schön alle seine Muskeln
anzuspannen, mit der Zeit lernt man, nur die nötigen Muskeln zu kontrahieren, damit bleibt
man aktionsfähig. Das ist eine recht harte Methode, ich bezweifle auch etwas, ob sich dafür
eine breite Zustimmung in der Trainingsgruppe finden läßt ;-) halte aber diese Form für wichtig
zur Vorbereitung aufs Randori.

(***) Randori: Hier sind vielfältige Formen denkbar mit und ohne Schutzausrüstung,
die folgende hab ich mir mal ausgedacht 'für ohne Schutz': Trefferfläche ist alles, was
keine Gelenke, "die bewußten Weichteile" oder ungeschützte Knochen (dazu zähle ich auch den Kopf) sind.
Also auf den Rumpf, Oberschenkel/-arm usw. darf getreten und geschlagen werden.
Um Angriffe zum Kopf zu simulieren (und damit ein Deckungsverhalten zum Schutz des Kopfes
zu erzwingen), sind leichte Schläge mit der flachen Hand von oben auf den Schädel erlaubt.
Man weist an, mit geringer Schlaghärte zu beginnen, "härter" wird es dann in der Regel ganz
von alleine ;-)
Typische Gefahren bei Unachtsamkeit sind leider, daß doch mal die Trefferflächen
nicht eingehalten werden: also z.B. das Gesicht / "Weichteile" getroffen
werden oder daß Finger gestaucht werden, wenn Hände offen benutzt werden.
Ebenfalls ist zu beachten: Die psychologische Wirkung kann sehr stark / überwältigend sein...
Am besten ist, wenn jedes übende Paar einen fortgeschrittenen "Aufpasser" hat, der
bei Bedarf verbal und auch körperlich eingreifen kann, falls jemandem "die Pferde durchgehen".

Ok, fast hätte ichs vergessen: Ich übernehme keinerlei Haftung oder Verantwortlichkeit
fürs Nachmachen und damit evt. verbundenen Schäden.
Wer o.g. Trainingsformen um-/einsetzt, tut dies auf eigenen Gefahr!
Mit freundlichem Gruß

Fritz

HBt

Ne Wucht

Beitrag von HBt » 18.02.2009, 12:27

Hallo Fritz,
deine Antwort hat mich fast erschlagen... 8) Dankeschön, sehr umfangreich, klasse Anregungen.


@All,
welchen Nutzeffekt könnte ein derartiges Training für die Nagewaza bringen?

Werden wir schneller, trainiert sich unsere Schnelligkeit und Präzision 'so nicht nebenbei'?

Der koordinative Anspruch ist ja automatisch sehr hoch, wie sieht es dann resultierend mit dem Gleichgewicht aus?
J. Kano, 1937 hat geschrieben:(..)it should be practised before the study of Randori is begun.
Womit wir wieder bei der Seiryoku Zenyō Kokumin Taiiku angelangt sind. Wenn ich jetzt noch etwas weiter spinnen darf: man sollte die SZKT in der Kyu-PO verankern.

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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von Fritz » 18.02.2009, 14:44

HBt hat geschrieben:welchen Nutzeffekt könnte ein derartiges Training für die Nagewaza bringen?

Werden wir schneller, trainiert sich unsere Schnelligkeit und Präzision 'so nicht nebenbei'?

Der koordinative Anspruch ist ja automatisch sehr hoch, wie sieht es dann resultierend mit dem Gleichgewicht aus?
Das Gleichgewicht erwähnst Du ja bereits selbst - also die Arbeit mit dem eigenen
Schwerpunkt, aufrechte Kampfposition usw...
Ushiro-Geri ist sicherlich förderlich für den Uchi-Mata sowie ihn Tom ausführt.
Der "Griffkampf" wird sicherlich auch profitieren.

Was ich als den wesentlichen Punkt ansehe, (der mir einige Schwierigkeiten bereitet) ist
das "Umschalten" von den Atemi hin zum Fassen und Werfen bei Eintritt in die Nahdistanz.

Die Bodenarbeit kann auch profitieren, da zwangsläufig auf mehr Kontrolle der
"freien" Gliedmaßen des Gegenübers bzw. auf mehr "Eigensicherung" geachtet werden muß.
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von Lin Chung » 18.02.2009, 20:43

Hallo Fritz

alle Achtung... :eusa_clap trainierst du das schon?
Grüße
Norbert Bosse
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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von Fritz » 19.02.2009, 02:43

@Lin Chung: Das was ich beschrieben habe, habe ich auch schon ausprobiert -
aber natürlich "wie immer" zu wenig.
Hängt einerseits von der Zeit ab, andererseits auch von den Leuten auf der Matte...
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von kastow » 19.02.2009, 07:00

Nach Fritz' Beitrag bleibt ja nicht mehr viel übrig ;)

Eine weitere schöne Möglichkeit ist eine Deckungslochsuche in Zeitlupe. Beide Tori stehen mit erhobenen Händen voreinander. Alle Aktionen erfolgen in Zeitlupe. Tori 1 versucht, Tori 2 zu schlagen. Tori 2 wehrt ab und antwortet zugleich mit einem Gegenangriff in das durch den Angriff entstandene Deckungsloch. Diesen Gegenangriff übernimmt Tori 1 wieder. So entsteht ein permanenter Fluss von Angriff und Gegenangriff. Die Deckungslöcher dürfen nicht mit Kraft künstlich erzeugt werden. Wenn die Bewegungen schön fließen, können noch Tritte hinzugenommen werden. Das ganze ähnelt sehr dem *ing-*un-Chi-sao und ist auch eine gute Vorbereitung auf Te-sabaki oder Shiai-Griffkampf.
Herzliche Grüße,

kastow

Since the establishment of Kôdôkan jûdô, jûdô has become something that should be studied not only as a method of self-defence but also as a way of training the body and cultivating the mind. (Jigorô Kanô: MIND OVER MUSCLE)

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Go no kata

Beitrag von HBt » 19.02.2009, 13:50

Tutor! hat geschrieben:Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es in der Geschichte mehrere verschiedene Go-no-Kata gegeben hat, so dass hier möglicherweise von einer anderen Kata die Rede ist.
Davon gehe ich auch aus. Watson hat in seinem Glossary bestimmt das eine oder andere vermischt. Endgültig könnte die Frage nach der ursprünglichen, authentischen Version (von J. Kano) nur beantwortet werden, wenn entsprechende Aufzeichnungen vorhanden wären. Ob das der Fall ist? Ob Ochiai alle Informationen preisgegeben hat? :dontknow Spekulationen!
Alternativ besteht natürlich auch die Möglichkeit einer "zweiten Seite" (Lehrinhalte) der Kata*.

*Plural

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Re: Go no kata

Beitrag von tutor! » 19.02.2009, 14:29

HBt hat geschrieben:Endgültig könnte die Frage nach der ursprünglichen, authentischen Version (von J. Kano) nur beantwortet werden, wenn entsprechende Aufzeichnungen vorhanden wären. Ob das der Fall ist? Ob Ochiai alle Informationen preisgegeben hat?
Davon können wir ausgehen (http://judoforum.com/index.php?showtopi ... ntry441986).

In der Einführung zur Sektion über die Go-no-Kata stehen auch Hinweise zu anderen Varianten (http://judoforum.com/index.php?showtopic=21079). "Jonesy" ist Kata-Spezialist und ein Vertreter des traditionellen Judo in England, ehemaliger britischer Auswahlkämpfer und hat auch in Japan gelebt.
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Widersprüchlich

Beitrag von HBt » 20.02.2009, 10:41

Ich frage mich, warum die 'Vital Points' auch in der aktuellen Ausgabe http://www.dieter-born.de/vdb/ (Kodokan Judo, deutsche Übersetzung) noch vertreten sind, wenn sie keine Bedeutung haben. Man kann annehmen sie sind aus der '1937
Judo -Jujutsu Touristbroschüre' stumpf übernommen. Nur ein Fragment, das man entfernen könnte, da sie auch in den offiziellen Kata (Kime no kata) nur rudimentär auftauchen.

Warum tauchen sie in der Technikliste immer noch auf, ohne entsprechende Uchikomis und Unterweisungen?

tutor!
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Re: Widersprüchlich

Beitrag von tutor! » 20.02.2009, 11:38

HBt hat geschrieben:Ich frage mich, warum die 'Vital Points' auch in der aktuellen Ausgabe http://www.dieter-born.de/vdb/ (Kodokan Judo, deutsche Übersetzung) noch vertreten sind, wenn sie keine Bedeutung haben. Man kann annehmen sie sind aus der '1937
Judo -Jujutsu Touristbroschüre' stumpf übernommen. Nur ein Fragment, das man entfernen könnte, da sie auch in den offiziellen Kata (Kime no kata) nur rudimentär auftauchen.

Warum tauchen sie in der Technikliste immer noch auf, ohne entsprechende Uchikomis und Unterweisungen?
Wer sagt denn, dass sie keine Bedeutung haben? Nimmst Du z.B. einmal alle Kata, die Atemi enthalten (Nage-no-Kata (nur Uke), Ju-no-Kata, Kime-no-Kata, Kodokan Goshin-juistu) zusammen, so wirst du feststellen, dass die meisten der "vital points" Trefferpunkte für die Atemi sind.

Kata sind ja nicht nur die "offiziellen" also formalisierten Kata, sondern Kata ist grundsätzlich jede Übungsform, bei der die Rollen von Uke und Tori vordefiniert sind. Wenn nun Atemi im Rahmen von Kata geübt werden, meint das nicht, dass sich das Üben von Atemi ausschließlich auf die "offiziellen" Kata beschränken muss.

Atemi gehören dazu - also nimm sie in Dein Trainingsprogramm auf, auch wenn sie nicht explizit in der PO vorkommen und im Rahmen von Prüfungen verbindlich nur in den genannten Kata auftauchen. Das liegt doch einzig und allein an Dir als Trainer.
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Sie gehören 'doch' dazu

Beitrag von HBt » 20.02.2009, 12:24

Tutor! hat geschrieben:Das liegt doch einzig und allein an Dir als Trainer.
So ist es. Es liegt an uns, als TR/ÜL und Trainierenden.
Tutor! hat geschrieben:Nimmst Du z.B. einmal alle Kata, die Atemi enthalten (Nage-no-Kata (nur Uke), Ju-no-Kata, Kime-no-Kata, Kodokan Goshin-juistu) zusammen, so wirst du feststellen, dass die meisten der "vital points" Trefferpunkte für die Atemi sind.
Damit gibt es (wenn man so will) ja doch eine 'zweite Seite', die Atemis sind überall enthalten, nur sehen muß man sie. Wieder ein schönes Plädoyer für 'mehr Kata' :D.

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Re: Widersprüchlich

Beitrag von Ronin » 20.02.2009, 14:30

tutor! hat geschrieben:Kata sind ja nicht nur die "offiziellen" also formalisierten Kata, sondern Kata ist grundsätzlich jede Übungsform, bei der die Rollen von Uke und Tori vordefiniert sind. Wenn nun Atemi im Rahmen von Kata geübt werden, meint das nicht, dass sich das Üben von Atemi ausschließlich auf die "offiziellen" Kata beschränken muss.

Atemi gehören dazu - also nimm sie in Dein Trainingsprogramm auf, auch wenn sie nicht explizit in der PO vorkommen und im Rahmen von Prüfungen verbindlich nur in den genannten Kata auftauchen. Das liegt doch einzig und allein an Dir als Trainer.
Da gebe ich Tutor uneingeschränkt Recht, aber folgendes Problem: Durch das Verbot von Atemi im Wettkampf und dem Fehlen von Atemi in den Prüfungsprogrammen, bei gleichzeitiger Fokussierung auf Wettkampf im DJB, ist es etwas schwierig, dem normalen Mitglied die Sinnhaftigkeit der Atemi zu erklären: Vom klassischen Wettkämpfer wirst du also immer die Antwort erhalten: Für was brauche ich den Sch.... ?
Die Antwort erhält man ja leider schon bei de Frage warum sie die Namen von Techniken gekonnt sein sollten...

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Re: Widersprüchlich

Beitrag von tutor! » 20.02.2009, 14:44

Ronin hat geschrieben:(...) ist es etwas schwierig dem normalen Mitglied die sinnhaftigkeit der Atemi zu erklären: Vom klassischen Wettkämpfer wirst du also imkmer die Antwort erhalten: Für was brauche ich den Sch.... ?
Ganz einfach:
  • für die Selbstverteidigung
  • für die Körperbeherrschung
Ude-ate (Techniken mit Händen/Fäusten) schulen stabilen Stand und präzise Koordination bei schnellen Bewegungen
Ashi-ate ("Tritte") schulen zusätzlich das Gleichgewicht
Ausweichen gegen Atemi und Gegenangriffe schulen (genauso wie Verteidigung gegen Waffen) Reaktionsfähigkeit und Tai-Sabaki.

Gründe es zu machen gibt es genug... der klassische Wettkämpfer ist üblicherweise jung und hat sein Judoleben noch vor sich - er er es denn will. Er kann sich ja noch was aufheben ;)
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Re: Atemi - wann und wie?

Beitrag von Fritz » 20.02.2009, 15:09

Ronin hat geschrieben:Durch das Verbot von Atemi im Wettkampf und dem Fehlen von Atemi in den Prüfungsprogrammen, bei gleichzeitiger Fokussierung auf Wettkampf im DJB, ist es etwas schwierig, dem normalen Mitglied die Sinnhaftigkeit der Atemi zu erklären: Vom klassischen Wettkämpfer wirst du also immer die Antwort erhalten: Für was brauche ich den Sch.... ?
Das ist das Grundproblem (gegen das Tom Herold ja immer anrennt ;-) ).

Ich setze da mein Hoffnung in die neue Dan-PO und drück die Daumen, daß SV dort tatsächlich
in halbwegs vernünftiger Art und Weise auftaucht.
Bei Jugendlichen gegenüber hilft gelegentlich der Spruch "Ich will nicht, daß Du als XYZ-Gurt unseres
Vereins bei ner Schlägerei ein leichtes Opfer bist" ;-)

Abgesehen davon würde ich die Atemi schrittweise ins Training einbauen, beginnend bei den
Anfängern, die haben meist noch eine Motivation nach dem Motto "Sich wehren können" und
keine Vorurteile.
Ich denke, die "klassischen Wettkämpfer" nun auf Krampf überzeugen zu wollen,
ist Energieverschwendung, irgendwann machen sie dann schon mit, wenn sie sehen, daß andere
sich ernsthaft damit beschäftigen bzw. Spaß dran haben (je nach Alter).
Mit freundlichem Gruß

Fritz

Jobi
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Wie Atemi-waza lernen und trainieren?

Beitrag von Jobi » 26.12.2009, 11:54

Hallo Tutor,
wärst Du so gut, den folgenden Beitrag irgendwie aus diesem Faden zu lösen und ihn da hinzuschieben, wo er hingehört, Danke.
---- Soeben passiert----- tutor!---

Hier mal einige meiner Gedanken zu den Ate-Waza:

1. Zu welchem Zweck kann ich Atemi anwenden?

- Körperertüchtigung

- im Kampf (Kata und Randori)
als Schocktechnik
zur Gleichgewichtsbrechung als Vorbereitung zu einer Folgetechnik (Nage- od. Katamewaza)
als finale Technik unter Verwendung von Vital- und Nervenendpunkten

2. Wie kann ich Atemi erlernen?

- ich übe die Tandoku-Renshu des SZKTI,
zuerst müssen trotzdem Grundlegende Dinge wie Haltung der Faust und Arme sowie deren richtige Bewegung von kompetenter Seite gezeigt werden
auch wenn ich diese regelmäßig übe, dienen sie in allererster Linie zur Körperertüchtigung und sind im "Kampf" so nur bedingt einsetzbar, da keine Beinarbeit und Distanzverhalten geübt wird, die allerdings im sonstigen Judo gut geübt werden kann

- ich übe Kihon des Karate
hierzu muß ich meine Stellung dem Judo anpassen, d.h. nicht wie zB. im Shotokan tief stehen, eine sehr gute Alternative hierzu wäre Wado-ryu, da dort die Stände auch hoch sind

- ich übe Kickboxen oder Muay Thai, hier habe ich keine Kata, das Training ist eine ausgezeichnete Körperertüchtigung, lerne sehr gut Beinarbeit und Distanzverhalten

- ich geh zu einem Judolehrer, der Atemi vermitteln und anwenden kann

Wie kann ich Atemi üben?

- allein, also in irgendeiner Form (z.B. klassische Kata)

- in den verschiedenen Varianten von abgesprochenem Angriff und Verteidigung in Verbindung mit Kyusho-jutsu und Kappo

- durch Herausnehmen eines Bereichs aus einer klassischen Judo-Kata, in der Atemi vorkommen

- durch freies Üben (Randori/Sparring)

Als Anfänger werde ich Atemi eigentlich nie im Sinne des Erfinders in einem realen Kampf anwenden können, denn Atemi werden im Judo nicht so eingesetzt wie z.B. im westlichen Boxen oder Kickboxen, sondern sehr gezielt, der jeweiligen Situation entsprechend mit ganz klarem Hintergrund. Mir persönlich bringt vor allem der Zusammenhang der Atemi mit Kappo und Kyusho viel, da man hier tief in medizinische Bereiche vordringt. Für mich ist es schön, wenn ich durch mein Wissen z.B. jemandem sein Nasenbluten innerhalb kurzer Zeit stillen kann oder seinen Kopfschmerz beseitige. Ich denke, das ist auch eine Möglichkeit, das Prinzip Jita Kyoei mit Judo zu verwirklichen.
Mit freundlichen Grüßen
Jobi


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wer entscheidet, findet Ruhe.
Wer Ruhe findet, ist sicher.
Wer sicher ist, kann überlegen.
Wer überlegt, kann verbessern.

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Re: Seiryoku Zen'yo Kokumin Taiiku

Beitrag von Lin Chung » 26.12.2009, 12:34

Du solltest dich mal mit Kastow unterhalten. Wie ich ihn verstanden habe, setzt er einiges davon schon um, auch wenn es nicht gerade die Kata ist.
Ich selbst bin auch schon darum gebeten worden. Mal sehen, was daraus wird.
Grüße
Norbert Bosse
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Re: Seiryoku Zen'yo Kokumin Taiiku

Beitrag von tom herold » 26.12.2009, 13:37

Jobi, du schreibst:
Wie kann ich Atemi erlernen?
- ich übe Kihon des Karate
hierzu muß ich meine Stellung dem Judo anpassen, dh. nicht wie z.B. im Shotokan tief stehen, eine sehr gute Alternative hierzu wäre Wado-ryu, da dort die Stände auch hoch sind
Kannst du machen.
Aber warum, wenn's das doch im Jûdô sowieso gibt?
Sogar im Randori nach Kanôs eigener Aussage:
Für den Kampf, in dem geschlagen und gestoßen wird, ziehen sich die Gegner Handschuhe an, so daß die Methoden des Randori-Kampfes kaum Einschränkungen unterliegen. Die Formen ahmen nur nach und sind damit ungeeignet für das Üben des realen Kampfes. Zur Ergänzung ist eine Art Übungskampf also sinnvoll.
(KANO 1889 in : Niehaus 2003, S. 285 ff, Hervorhebung von mir)

Ja, jetzt wird mir sicher wieder erklärt, Kanô habe das nicht so gemeint und es habe angeblich nie Randori unter Verwendung der Atemi-Waza gegeben.
Da haben Hirano und Kawaishi aber etwas anderes erzählt, und nicht nur einmal ...
Egal.

Wir setzen im Randori auch Atemi ein. (Nicht immer, und Kinder sowieso nicht!)
Klappt wunderbar.
Nichts dagegen einzuwenden, daß du beim Karate "über den Tellerrand" schauen möchtest, aber das, was du dort zu finden hoffst, hast du im Jûdô ohnehin.

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