Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Hier geht es um die Trainingsgestaltung,-methodik,-formen.
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Peter el Gaucho
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Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Beitrag von Peter el Gaucho » 15.02.2019, 01:49

Im Moment mache ich mir Gedanken, wie man das Judotraining gestalten sollte, damit die Bedürfnisse der Teilnehmer für ihre persönliche Weiterentwicklung im Leben möglichst mit Judo befriedigt werden können. Judo als Sport und die Inhalte des Trainings sollen bewirken, bei den Teilnehmern "ein Ventil zu öffnen", damit sich sich noch besser weiterentwickeln können. Wenn man bei seinen "Kunden" dieses Ventil öffnen kann, dann werden sie dem Judoverein sehr treu bleiben (Mitgliederbindung) und weitere Mitglieder werden hinzukommen (Mitgliederneugewinnung).

Mir ist aber leider noch nicht viel eingefallen, welche persönlichen Weiterentwicklungen Menschen im Alter von 8 bis 16 Jahren mit dem Aufsuchen eines Judovereins verbinden:
- körperliche (athletische) Weiterentwicklung
- Weiterentwicklung der sozialen Kontakte (mehr und bessere Freunde finden),
- Erlernen und perfektionieren der Fähigkeiten in der Sportart Judo
- sich immer besser und umfangreicher wehren zu können (Aspekt Selbstverteidigung)
- Leistungssportinteressierte: erfolgsorientierte Weiterentwicklung in Wettbewerben (Meisterschaften)
- mentale Weiterentwicklung: ruhiger und gelassener, ausgeglichener und stressresistenter werden

Was fällt euch noch ein, welche persönliche Weiterentwicklungen Menschen im Alter von 8 bis 16 Jahren suchen und diese mit Hilfe von Judo vorantreiben wollen?

Sicherlich gibt es persönliche Weiterentwicklungen, die man mit jeder Sportart fördern kann, z.B. Weiterentwicklung der sozialen Kontakte. Aber von besonderem Interessen wären Weiterentwicklungen, die man ganz besonders mit Judo und nicht mit Fußball, Rudern oder sonstigen Sportarten unterstützen kann. Dann sind dies Argumente, lieber zum Judo als zum XYZ-Sport zu gehen.

Dies ist ein Beitrag zur immer wiederkehrenden Frage, wie können Judovereine mehr Mitglieder gewinnen und wie muss man dazu das Training gestalten. Das betrifft auch die ebenfalls klassische Frage, was kann man tun, damit gerade die Altersgruppe ab 15 Jahren nicht verstärkt den Judovereinen abhanden kommt.

Bei der Betrachtung der persönlichen Weiterentwicklung bitte nicht die Trainersicht, sondern die Sicht der Judoschüler einnehmen. Den Judoschülern interessiert nur ihre eigene Sichtweise und Empfindungen und nicht die Sichtweise eines Trainers.
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Peter el Gaucho
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Re: Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Beitrag von Peter el Gaucho » 16.02.2019, 21:51

o.k. mir scheint, dass mein Brainstorming-Angebot doch inhaltlich viel schwieriger ist als ich es mir dachte.

Da niemand eine Idee hat, war ich gezwungen, weiter nachzudenken und kam auch zu einem Ergebnis. Also, danke, für eure Nichtreaktion !!!!

Ich denke, dass das ganz wesentliche Ur-Bedürfnis auf persönliche Weiterentwicklung das Bedürfnis auf körperliche Bewegung ist und die damit verbundenen emotionalen Glücksempfindungen. Damit geht auch einher, das Gefühl zu haben, dass der eigene Körper in jeder Hinsicht sich flexibler bewegen kann und die Muskulatur verbessert wird und man einfach auch körperlich besser aussieht.

Alle anderen von mir genannten anderen Weiterentwicklungsthemen sind eher zweitrangig.

Was ist die Folge, wenn man mit Judo den Menschen helfen will, sich persönlich weiterzuentwickeln????

Die erste Folge ist, dass man Judo nicht in erster Linie mit dem Argument „Selbstverteidigung“, „Judo-Werte“ oder „spektakuläre Wurftechniken“ (siehe IJF-Videos) anbieten sollte, sondern mit dem Argument, dass hier umfangreichste und variantenreichste Bewegungserfahrungen möglich sind. Und das ist nicht gelogen, sondern einfach wirklich war. Judo ist Bewegung, ohne Bewegung kein Judo!! Der Punkt ist einfach, dass man sich im Judo viel variantenreicher bewegen kann als beim Tennis, Skifahren, Geräteturnen, Kraftsport, Radfahren, u.s.w.

Die zweite Folge ist auch, dass der rote Faden in einem Judotraining nicht das Kyu-Prüfungsprogramm ist, sondern Bewegung in sehr vielfältigen Formen. In diesen roten Faden kann man alles andere einbauen: Aufwärmen, Randori, Techniktraining, Spiele, Zirkeltraining, Ausdauer- und Schnelligkeitestraining ,Katas, u.s.w.

Wer sich viel bewegt, ist einfach glücklicher. Und wer mit Judo glücklich wird, der interessiert sich folglich auch viel mehr für die andere Themen im Judo: Freunde finden, ruhiger werden, Gürtelprüfungsprogramm, SV-Techniken, Katas, Judowerte, Judogeschichte, Judoturniere, ….. Es ist die logische Folge.

Man kann sich auch selbst fragen: Wann hat mir ein Judotraining sehr viel Freude oder sehr wenig Freude gemacht? Wenn ich mich sehr viel bewegt habe, war ich glücklich und wenn ich viel Zeit herumgestanden habe, war ich weniger glücklich.

Die weitere Folge ist auch, dass man als Trainer weniger darauf achtet, dass jemand möglichst schnell eine gute Technikausführung erlernt, sondern eher darauf, dass alle Teilnehmer sich in jedem Training viel und vielfältig bewegen. Für das Erlernen einer sauberen Technik ist sowieso genug Zeit und da läuft einem nichts weg. Wenn aber der Schüler sich nicht genug bewegen kann, dann wird er dem Judoverein weglaufen. Das ist sicher.


Wenn jemand trotzdem noch eine Idee hat, dann soll er diese auch gerne äußern.
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Re: Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Beitrag von guk » 16.02.2019, 23:14

Peter el Gaucho hat geschrieben:
16.02.2019, 21:51
Der Punkt ist einfach, dass man sich im Judo viel variantenreicher bewegen kann als beim [...] Geräteturnen [...] u.s.w.

[...]

Wenn jemand trotzdem noch eine Idee hat, dann soll er diese auch gerne äußern.
Schon mal richtig Gerätturnen (ohne "e" dazwischen) gemacht?

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Re: Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Beitrag von Peter el Gaucho » 17.02.2019, 00:22

Tennis spiele ich im Urlaub, wenn das Hotel einen Tennisplatz hat.
Skifahren mache ich seit meiner Kindheit. In den letzten 10 Jahren aber nicht mehr.
Gerätturnen habe ich in meiner Schulzeit regelmäßig im Sportunterricht gemacht.
Kraftsport mache ich seit meiner Studentenzeit bis zum heutigen Tag.
Radfahren tue ich seit meiner frühesten Kindheit bis zum heutigen Tag und beobachte auch meinen 16jährigen Sohn bei seinen BMX-Trainings auf dem örtlichen BMX-Platz.
Was ich auch kann: Schwimmen, Tischtennis, Tischfußball, Ju-Jutsu, Volleyball, Basketball, Federball, Sipalki-do und ein bisschen Karate. Im Fußball bin ich leider nur ein Sofa-Fußballer, weil ich keine Lust habe, Tritte gegen das Schienbein zu bekommen. Aber wenn Eintracht Frankfurt spielt, glüht das Fernsehgerät und meine Frau darf mich nicht ansprechen.
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Re: Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Beitrag von guk » 17.02.2019, 12:05

Peter el Gaucho hat geschrieben:
17.02.2019, 00:22
Gerätturnen habe ich in meiner Schulzeit regelmäßig im Sportunterricht gemacht.
Also nicht wirklich. Dann würde ich deinen Satz relativieren. Beim Gerätturnen bewegst du dich ungleich variantenreicher...

Was ich eigentlich sagen will: klar ist Judo mehr als Sport, aber die meisten deiner Punkte treffen durchaus auch auf andere Sportarten zu.
Ich glaube auch nicht, das 8-16 Jährige sich irgendwelche großen Gedanken um eine persönliche Weiterentwicklung machen und danach einen Sport auswählen.

Bei den meisten ist es der Freundeskreis oder die Eltern/der Arzt etc., die die Kinder zum Judo schicken. Ob sie dann bleiben oder nicht und warum,
ist hier schon oft diskutiert worden. Auf einige Sachen (gutes Training) hat man Einfluss, auf andere nicht.

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Re: Persönliche Weiterentwicklung mit Judo

Beitrag von Fritz » 18.02.2019, 14:41

Das hier:
Peter el Gaucho hat geschrieben:
16.02.2019, 21:51
Bei der Betrachtung der persönlichen Weiterentwicklung bitte nicht die Trainersicht, sondern die Sicht der Judoschüler einnehmen. Den Judoschülern interessiert nur ihre eigene Sichtweise und Empfindungen und nicht die Sichtweise eines Trainers.
beißt sich mit dem hier:
Peter el Gaucho hat geschrieben:
15.02.2019, 01:49
Was fällt euch noch ein, welche persönliche Weiterentwicklungen Menschen im Alter von 8 bis 16 Jahren suchen und diese mit Hilfe von Judo vorantreiben wollen?
Wegen weil:
guk hat geschrieben:
17.02.2019, 12:05
Ich glaube auch nicht, das 8-16 Jährige sich irgendwelche großen Gedanken um eine persönliche Weiterentwicklung machen und danach einen Sport auswählen.
Niemand geht zum Judo, weil er sich moralisch / ethisch weiterentwickeln will.
Es sind immer praktische Erwägungen: "Mama hat gesagt", "sich verteidigen lernen, exotischen Sport betreiben, Kumpel begleiten usw. usf."
Evt. setzt dann bei dem einen oder anderen eine Zweitmotivation ein: Gürtelprüfungen ablegen, Kämpfe bestreiten und gewinnen ... Auch hier macht das niemand
wegen irgendeiner darüber hinausgehenden "Weiterentwicklung".
Peter el Gaucho hat geschrieben:
16.02.2019, 21:51
Man kann sich auch selbst fragen: Wann hat mir ein Judotraining sehr viel Freude oder sehr wenig Freude gemacht? Wenn ich mich sehr viel bewegt habe, war ich glücklich und wenn ich viel Zeit herumgestanden habe, war ich weniger glücklich.

Die weitere Folge ist auch, dass man als Trainer weniger darauf achtet, dass jemand möglichst schnell eine gute Technikausführung erlernt, sondern eher darauf, dass alle Teilnehmer sich in jedem Training viel und vielfältig bewegen. Für das Erlernen einer sauberen Technik ist sowieso genug Zeit und da läuft einem nichts weg. Wenn aber der Schüler sich nicht genug bewegen kann, dann wird er dem Judoverein weglaufen. Das ist sicher.
Das mit dem sich bewegen kann auch nicht so stimmen, das entsprechende Experiment kann man als Trainer recht einfach nachstellen:
Gib ihnen eine Bewegungsaufgabe mit der Maßgabe, daß nach Bewältigung dieser, die nächste kommt. Und dann warte ab ... in der Regel passiert folgendes:
Es wird ein paar Mal probiert, dann schläft der Bewegungsdrang ein ...
D.h. der Trainer ist gut beraten, die Leute zur Bewegung zu überlisten - wenn sie sich dann bewegen _mussten_ u. erschöpft sind, dann mögen sie natürlich oft diesen Zustand ...
Aber ich denke, das ist schon, was Du meinst ;-) und es gilt für alle Sportarten und Sportler.
Peter el Gaucho hat geschrieben:
15.02.2019, 01:49
Dies ist ein Beitrag zur immer wiederkehrenden Frage, wie können Judovereine mehr Mitglieder gewinnen und wie muss man dazu das Training gestalten. Das betrifft auch die ebenfalls klassische Frage, was kann man tun, damit gerade die Altersgruppe ab 15 Jahren nicht verstärkt den Judovereinen abhanden kommt.
Die spannende Frage ist tatsächlich, wie Leute, die über die "Erstmotivation" zum Judo kommen, dabei bleiben u. eine tragfähig Zweitmotivation entwickeln und nach Abklingen dieser, trotzdem sich noch als Judoka u. Vereinsmitglieder verstehen. Letztlich sehe ich hier zwei Faktoren:
a) Sie sollten für sich in der Gruppe etwas finden, was genau diese Judo+Gruppe von anderen Sportgruppen heraushebt.
b) Lehrer/Trainer/erfahrene Gruppenmitglieder sollten auf die neuen entsprechend der Judogrundsätze erzieherisch einwirken, so daß die Neuen sich schon positiv weiterentwickeln, gerade auch im charakterlichen Sinn und damit dann auch in der Lage sind eine Gruppenbindung im Sinne von a) aufzubauen ...

Zusammenfassend: Viel Randori machen, dabei auf Rücksichtnahme achten und ausreichend partnermäßig durchmischen ... ;-)
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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