Ne-Waza Begriffe

Hier geht es um einzelne Begriffe und deren wörtliche Übersetzung bzw. deren Bedeutung in verschiedenen Zusammenhängen.
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HBt.

Offtopic

Beitrag von HBt. » 09.02.2012, 14:26

@Fritz
Fritz hat geschrieben: Und den wenigen Leuten, welche das Pech hatten, solche Techniken doch in Praxis testen zu müssen, sollte man sehr genau zuhören,
was sie zu sagen haben...
Ich tue dieses ;-).
Werbung für ein anderes Forum hatte ich nicht im Sinn, wie Du Dir sicherlich auch schon gedacht hast. Das 'Bandog' eben auch ein User des Parallelforums ist, konnte man eindeutig aus den bisherigen Beiträgen 'Bandogs' erkennen - danke für die Info.
M.M.n. ist die Charakterschulung der Kampfkünste einfach darin zu sehen, daß man Dinge lernt (lernen kann/sollte) wie:
- Wer austeilen möchte, muß auch einstecken können
- Wehrhaftigkeit
- Behandle andere so, wie man selbst behandelt werden möchte
- Ordne die eigene Befindlichkeit (Schmerz, Verzweiflung) dem jeweiligen Ziel unter
- Selbsterkenntnis, Bescheidenheit, Entscheidungsfähigkeit usw...
- Nicht nur nehmen, auch geben
Diese Punkte haben in meinen Augen (ursächlich) nicht viel mit der Charakterbildung (auch Sozialkompetenzen) durch eine Kampfkunst zu tun.
Alle aufgeführten Punkte (Beispiele) finden sich beinahe in allen Lebensbereichen wieder und lassen sich auch durch die unterschiedlichsten Arten: Spiele, Sport, Schule, Handwerk, Beruf, Familie, Freundschaften, Ehe ... entwickeln und fördern.


Zu den drei Ebenen (ich werde die dazugehörigen Aussagen Kanos noch einmal nachlesen):

Ein gerne angeführtes Missverständnis könnte die Idee der zu nehmenden Stufen, im Sinne von 1-2-3 sein. Erst betrete ich die erste Stufe (die ich als sich unendlich ausbreitende Ebene erst vollständig meistern muss) um die zweite Stufe (wieder eine Ebene) überhaupt betreten zu können, um über diese endlich die finale Stufe ... Treppenstufen eben.

Ebenen können aber beliebig im Raum vertreten sein.

In 'Mind over Muscle' findet man den Begriff Level, steht er für Ebene? In welchem Sinne? Ist die methodisch und systematische Trennung, die hier propagiert wird sinnvoll? Ist jenes nicht eher widersprüchlich, unpassend in dem Gesamtkomplex, und eben dem, was sich weiterhin in dem besagten Kompilat findet?


Einfach noch einmal lesen, möglichst ohne einen vorher festgelegten Standpunkt.

Ich meine, man hantiert ja auch nicht aus Jux und Dallerei mal eben so mit Schußwaffen und Munition umher, (..)
Selbstverständlich findest Du diese Störung, sie ist vielfach und vielerorts verbreitet.


Edit:
Tippfehler korrigiert
Zuletzt geändert von HBt. am 09.02.2012, 15:10, insgesamt 3-mal geändert.

HBt.

Zitate - hilfreich

Beitrag von HBt. » 09.02.2012, 14:36

Makikomi Kid hat geschrieben: Wenn ich mich noch recht erinnere, war für Kano aber die Möglichkeit, sich selbst und seine Familie verteidigen zu können, Punkt 1 auf seiner Liste. Und dann kamen die weiteren Vorzüge. Hab mein Judo Memoirs gerade nicht parat, aber ich denke, die Stellen dürften ja bekannt sein (wenn nicht, dann zitiere ich sie hier gerne, sobald ich daheim bin und etwas Muße habe).
Es wäre sehr freundlich, wenn Du die entsprechenden Stellen nachreichen würdest.

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Fritz
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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Fritz » 09.02.2012, 14:44

HBt. hat geschrieben:Diese Punkte haben in meinen Augen (ursächlich) nicht wirklich etwas mit der Charakterbildung (auch Sozialkompetenzen) durch eine Kampfkunst zu tun.
Und nun? Ist doch nicht schlimm. Gibt auch patente Menschen, die keine Kampfkunst oder Kampfsport betreiben...
Selbstverständlich findest Du diese Störung, sie ist vielfach verbreitet, auf unserem Erdball.
Deswegen muß man sie ja nicht gutheißen nach dem Motto:
"Nicht jeder, der mit Munition und Schußwaffen umherhantiert, macht dies um zu jagen, zur Verteidigung oder um militärische/polizeiliche
Aufgaben wahrzunehmen, selbstverständlich kann man es auch nur für Fingerübungen und reinem Zeitvertreib betreiben..."
Selbst von Sportschützen wird erwartet, daß sie genau so sorgfältig und vorsichtig mit ihrem "Werkzeug" umgehen, wie Leute, die es
hauptsächlich für den ursprünglichen Zweck benutzen...

Und genau das sollte man auch von Judoka erwarten:
Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Kampfkunst - neben allen anderen darüber hinausgehenden Gesichtspunkten...

Ansonsten sind wir jetzt reichlich abgedriftet, das ursprüngliche Thema war Begriffe der Bodenarbeit und
mir fällt immer noch kein vernünftiger deutscher Begriff für "Guard" ein, der besser paßt als Reaktivators "Verteidigungsposition" :-(
was ja nur die Hälfte der Wahrheit beschreibt...
Mit freundlichem Gruß

Fritz

CasimirC
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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von CasimirC » 09.02.2012, 15:09

tutor! hat geschrieben:Ich bevorzuge überall dort, wo es keine fest definierten japanischen Begriffe gibt, deutsche Begriffe. Diese lassen sich leichter definieren und sind dann - hoffentlich - verständlicher.

Die anderen von Dir angesprochenen Felder sehe ich zwar nicht düster - auch nicht von ihm so gemeint - jedoch sehe ich hier Arbeitsbedarf und zwar auf mehreren Feldern:

1. Pädagogische Konzeption und tatsächliche pädagogische Wirkung, also die "geistig-moralische" Seite des Judo:
  • was ist (Kanos) Wunschvorstellung?
  • was ist realisierbar?
  • wie muss Judotraining gestaltet werden, damit die pädagogischen Ziele auch tatsächlich erreicht werden?
Konzepte hierzu finden wir zuhauf bei Kano, aber auch bei anderen. Einen Automatismus, nachdem die erzieherischen Ziele durch Judotraining erreicht werden, gibt es ganz offensichtlich nicht.

2. Entwicklung der Praxis des Judo:
Eigentlich folgt dies aus der ersten Frage: entspricht das Geschehen auf der Matte eigentlich dem, was Kano konzipiert hat? Vieles entspricht dem sicherlich nicht...
Wenn es erlaubt ist, möchte ich gern kurz auf dieses Posting eingehen, und eine spätere Aussage von dir hinzufügen:
tutor! hat geschrieben:Eines der größten Probleme in der Diskussionen um das Wesen von Budo [...] ist das Außerachtlassen des zeitgeschichtlichen Kontextes.
Meiner Ansicht nach ist es aufgrund der heutigen, in allen Bereichen des Denkens und Handelns deutlich liberaleren Mentalität der Menschen nur sehr schwer möglich, Kanos Konzeption als Grundlage für das heutige Judo-Konzept anzunehmen.
Der Grund: Zu der Zeit, als Kano den Judosport entwickelte, standen ganz andere Tugenden im Vordergrund als heute, wie du bereits gesagt hast. Ich möchte gar nicht näher auf die unterschiedlichen Lebensauffassungen von damals und heute eingehen, sondern vielmehr auf das aktuelle Geschehen im Judo.

Kano konstituierte Judo als
- Kampfsport
- Sammlung von Selbstverteidigungstechniken
- körperliche und geistige Erziehung

So weit, so unkonkret (das Ganze konkret zu fassen, ist eine schwierige Sache, wie man auf den vorangegangenen 4 Seiten nachlesen kann.

Was ist die aktuelle Situation des Judo-Sports (in Deutschland)?
- Wettkampforientierung (auch mit dem Hintergrund einer besseren Vermarktung als Wettkampfsport denn als moralpädagogischer Sport)
- ...?

Erst ganz allmählich kommt der SV-Gedanke wieder in den Judo-Trainern und Funktionären hervor, ein Gedanke, der jedoch von Kano bewusst (und im historischen Kontext plausibelerweise) immer mitgenannt wurde. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach darin, dass die Versteifung auf das Wettkampf-Judo dem Judo eine große Bandbreite seines Angebots genommen wurde, und dass ihm somit auch sehr viele potenzielle Judokas durch die Lappen gegangen sind. Nun, in Zeiten finanzieller Engpässe und rapide sinkender Mitgliederzahlen, sollen auf diese Weise allmählich wieder Menschen für den Judosport interessiert werden, wo bereits zahlreiche andere und mitunter deutlich populärere SV-Sportarten (Wing-Tsun, Ju-jutsu, Karate, Teakwondo, Kickboxen...) eine dominierende Stellung eingenommen haben und den Markt nahezu abgegrast haben.

So viel dazu, was FÜR die Orientierung an Kanos Judo-Konzeption spricht.

Was spricht dagegen?
Das größte Manko an dieser Sache ist, dass Freizeit heute kostbar ist, dass die Menschen und insbesondere die Kinder eine eigene Meinung haben und sie auch durchsetzen(!), und dass solch ehrbare Grundsätze wie "körperliche und geistige Erziehung" heutzutage für die allergrößte Mehrheit der Menschen schlichtweg uninteressant ist.

Interessant ist, was Spaß macht und was sichtbare Ergebnisse bringt. Strenges Training, detaillierte Technikarbeit, moralische Erziehung, Gehorsamspflicht, Unterwerfung, wie sie im Judo in der Vergangenheit üblich waren, machen schlicht keinen Spaß.

Nicht umsonst werden von Judo-Vereinen immer mehr breitensportliche Aktivitäten organisiert und gefördert, und nicht umsonst geht die Zahl der Wettkämpfer stark zurück.

An dieser Stelle über die hohen Idealen des Judo zu diskutieren, oder darüber welches Konzept was wie wo meint und warum, ist zwar fachlich höchst unterhaltsam und möglicherweise auch gewinnbringend, aber für den Judosport an sich eben nicht zielführend.

Daher eine Frage an dieser Stelle der Diskussion: Sollte Judo nicht eben möglichst abwechslungsreich sein, möglichst viele Optionen bieten und auf individuelle Förderung setzen? Und ist es an dieser Stelle nicht total egal, ob irgendein großer Judoka diese oder jene Meinung zum Judo vertritt oder vertreten hat, ob es nun eine SV-Sportart mit Wettkampfelementen oder eine Wettkampfsportart mit SV-Elementen oder gar eine charakterbildende Sportart mit Wettkampf- und SV-Elementen ist? Ich denke, dass eben eine solche Diskussion nicht im Sinne von Kano war, sondern dass für ihn der Nutzen für den Menschen im Vordergrund stand.

Ich weiß, dass das Posting ein wenig OffTopic wirkt und ich bitte dies auch zu entschuldigen, ich hoffe, ihr erkennt die grundsätzliche Orientierung am Threadanfang :)
Theorie: Wenn alle wissen, wie es geht, und es geht nicht.
Praxis: Wenn es geht, und keiner weiß, warum.

HBt.

Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von HBt. » 09.02.2012, 15:24

Guter Beitrag CasimirC :-).
  • Gehorsamspflicht
    &
    Unterwerfung
gehören absolut nicht (mehr) in unser Training, ... unsere Gesellschaft.


JUDO muss abwechselungsreich gestaltet werden und auf das Individuum eingehen, alles andere wäre suboptimal.

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von kastow » 09.02.2012, 15:51

Fritz hat geschrieben:Ansonsten sind wir jetzt reichlich abgedriftet, das ursprüngliche Thema war Begriffe der Bodenarbeit und mir fällt immer noch kein vernünftiger deutscher Begriff für "Guard" ein, der besser paßt als Reaktivators "Verteidigungsposition" :-(
was ja nur die Hälfte der Wahrheit beschreibt...
So wie ich das sehe, brauchen wir keinen speziellen Begriff für "Guard", da dieser laut CK eh jûdô-fremd ist
Popular non-jūdō English terms used in and imported from other Western combat and grappling sports (BJJ and others), such as ‘guard’ and ‘half-guard’ are properly called in jūdō as follows:

'Half-guard' = Niju-garami (二重緘)
'Full-guard' = Dō-osae (胴押)
Interssant ist es vielleicht auch einmal, die Aussagen CKs zur Benennung der Ne-waza genauer zu betrachten:
A didactic categorization of newaza beyond katame-waza is only completed decades after Kanō but is never officially named. Newaza in jūdō beyond katame-waza consists of the following structure:

1. Gyōga-no-shisei: Position lying on the back:
a. Tori attacking from standing position, uke lying on his back
b. Tori defending from lying on his back position, uke standing

2. Yotsunbai: Position on all fours:
a. Tori attacking, uke on all fours
b. Tori defending from all fours

3. Utsubuse: Position lying on the belly:
a. Tori standing/sitting and attacking, uke lying on his belly
b. Tori lying on his belly and defending, uke standing or sitting

In each of the three above categories, the further didactic characterization is provided by how one person is positioned in function of the other, i.e.:

1. to/at the side
2. to/at the front
3. to/at the back
4. over (if attacking, in which case the opponent is under) or under (incase of defending, in which case the opponent is over)

There exists no official names for any of these positions, which are usually ‘described’. Westerns might mis-perceive a Japanese using his terminology to ‘describe’ as an actual ‘name’. Sometimes such unofficial ‘descriptions’ become universally used even though still not becoming an official ‘name’, which is in line with Sodo's suggestion.
Kurze deutschsprachige Zusammenfassung:
1. Gyōga-no-shisei: Position "auf dem Rücken liegen" - Rückenlage
2. Yotsunbai: Position "auf allen Vieren" - Bankposition
3. Utsubuse: Position "auf dem Bauch liegen" - Bauchlage
Dabei können sowohl sich Tori als auch Uke in Ober- oder Unterlage befinden. Zur weiteren Unterscheidung dient die relative Lage von Uke und Tori zueinander (seitlich, frontal, hinten, oben).

Das kommt der weiter oben von mir zitierten Einteilung der Standardsituationen im DJB sehr nahe, nur das im DJB zusätzlich die Beinklammer benannt wird. Da wäre der DJB systematisch also sogar näher am BJJ als das japanische Jûdô.
There are also terms for the general names of that what one is actually doing in those positions, that is attacking, defending, avoiding, moving, entering, or turning.
  • Semete-kata or kōgeki-waza: attacking methods; kōgeki is used more in tachi-waza
  • Nogare-kata: is often used to indicate the whole of turn-overs, not just in yotsunbai or utsubuse facing the tatami, but also when in gyōga-no-shisei with uke attempting hairi-kata from between the legs. The only confusion is that ‘nogare’ literally really means ‘escape’ or ‘evade’, but is thus used in a very specific sense
  • Nige-waza: escaping techniques
  • Hairi-kata: indicates methods to enter a technique passed a defense. It is different from nogare-kata in several senses. For example, hairi-kata can also be used in the sense that the opponent is not defending, or to simply apply a choke without altering uke’s position; nogare-kata really implies that the positions end up being changes usually with a turover
  • Tai-sabaki: indicates turning your body to avoid an attack or initiate one. The movement really starts from the hara and exist both in tachi- and in newaza though more frequently heard referring to tachi-waza.
  • Fusegi-waza: means to avoid an attack. It is different from tai-sabaki in that fusegi does not necessarily require much body movement. Keeping your body in the exact same position, but only suddenly moving your head or just an arm to avoid an attack would characterize as fusegi and cannot possibly be tai-sabaki as there is no whole body movement. Even though fusegi really means ‘to avoid’ it is also frequently used to indicate to ‘escape’, which is not 100% correct. Escaping techniques from chokes, for example, are sometimes called “shime-waza no kihon fusegi”. However, when the escape is from one specific technique, it is usually termed by the name of that technique followed by “nige-kata”.
  • Ridatsu-hō also means “to escape”, but specifically in such a way that you break loose from your opponent
  • Bōgyō-waza means “to defend”
  • Seigo-hō is sometimes used to indicate as when the escaping technique makes an integral part of a counterattack technique, which is often but not always the case in newaza.
  • Gyaku-waza kihon-fusegi: The whole of counter-techniques in newaza against katame-waza
Kurze deutschsprachige Zusammenfassung:
Es existieren auch allgemeine Begriffe dafür, was man in diesen Positionen macht: angreifen, umdrehen, befreien, große und kleine Meidbewegungen, vom Gegner lösen, verteidigen, Verteidigung ausnutzen

Da steht jetzt nichts, was nicht auch im DJB Multplikatoren-Skript zur Kyu-PO und im Begleitmaterial zur Dan-PO benannt und erläutert wird. Was qualitativ in den einzlenen Vereinen gemacht wird … steht auf einem anderen Blatt. Aber die bereits im DJB definierten Begriffe umzubennen, nur weil jemand statt "Reitsitz* gegen die Bankposition" persönlich lieber "Roter Rucksack", "Blauer Bock", "Black Back-Guard" oder sonst etwas hören möchte, finde ich albern. Und eine jûdô-nahe Systematik durch eine BJJ-nahe Systematik zu ersetzen ist vollends unsinnig.

* seit Einführung der SV-PO auch als Standardsituation definiert
Herzliche Grüße,

kastow

Since the establishment of Kôdôkan jûdô, jûdô has become something that should be studied not only as a method of self-defence but also as a way of training the body and cultivating the mind. (Jigorô Kanô: MIND OVER MUSCLE)

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von katana » 09.02.2012, 17:27

kastow hat geschrieben:Interssant ist es vielleicht auch einmal, die Aussagen CKs zur Benennung der Ne-waza genauer zu betrachten:
Richtig, ... und vor allem die Letzte, in deinem Zitatkästchen... (Hervorhebung von mir)
There exists no official names for any of these positions, which are usually ‘described’. Westerns might mis-perceive a Japanese using his terminology to ‘describe’ as an actual ‘name’. Sometimes such unofficial ‘descriptions’ become universally used even though still not becoming an official ‘name’, which is in line with Sodo's suggestion.
Ich kann nur für mich sprechen, aber bevor ich nun japanisch lerne, nur um diese Positionen folkloretauglich zu erklären,
benenne ich sie lieber mit den bereits üblichen JiuJitsu - Begriffen (nicht nur im BJJ) in englisch.
Die ehemals "Westdeutschen" haben vermutlich zum Englischen einen besseren Draht, da das geläufige Schulsprache war und ist.
Würden die ehemaligen "Ostbürger" aber anfangen, russische Begriffe aus dem Sambo(?) zu verwenden, hätt ich wohl auch meine Probleme. (Also persönlich, nicht als allgemeine Auffassung).

KK

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von katana » 09.02.2012, 17:56

Dabei fällt mir noch ein....
wie verständigt ihr euch eigentlich mit Mario Staller ?
Spricht der auch japanisch ?

KK

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Makikomi Kid » 09.02.2012, 18:21

Herr Staller hat durchaus die eine oder andere Graduierung, die nahe legt, dass er sich mit der jap. Terminologie durchaus auskennt.

Ich würde das Problem der Begrifflichkeiten übrigens recht einfach lösen: gar nicht.
Die meisten Leute sind durchaus in der Lage selbst das (für sie passende) Wort zu finden.
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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Fritz » 09.02.2012, 23:14

@Kastow: Na wenn für Dich das DJB-Begleitmaterial das Maß aller Dinge ist, dann ist ja alles in Butter... ;-)

Na bis mir was besseres einfällt, werde ich wohl bei "Beinklammer" (offen, geschlossen und einseitig) bleiben und
bei Sonderformen "Guard" durch "Position" oder "Haltung" übersetzen...
"Spider-Guard" => Spinnen-Haltung,
"Butterfly-Guard" => Schmetterlings-Position... usw. usf...
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Makikomi Kid » 10.02.2012, 00:01

Finde ich eine super Lösung!
Auf Deutsch klingt das gleich mal viel besser und ist auch viel verständlicher und einleuchtender.

Hoffen wir nur mal, dass dann nicht in Schritt 2 diese nun deutsch benamten Positionen erklärt und definiert werden - vorallem nicht auf eine solche Weise, dass man Probleme hat den Ursprung und die eigentliche Intention zu erkennen ;)
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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von kastow » 10.02.2012, 07:55

Fritz hat geschrieben:Na bis mir was besseres einfällt, werde ich wohl bei "Beinklammer" (offen, geschlossen und einseitig) bleiben und
bei Sonderformen "Guard" durch "Position" oder "Haltung" übersetzen...
"Spider-Guard" => Spinnen-Haltung,
"Butterfly-Guard" => Schmetterlings-Position... usw. usf...
Hm, und wie handhabst du z.B. die Anwendungsaufgabe im Boden für den fünften Kyu (Angriffe aus und Verteidigung gegen Beinklammer)? Wiederholst du dort die Anwendungen aus dem sechsten Kyu (Angriff aus und Verteidigung gegen Rückenlage)? Wie machst du z.B. einem externen Prüfer klar, dass deine Schützlinge statt einer Beinklammer lieber 'Vorkenntnisse' anwenden? Oder müssen deine Teilnehmenden gar zwei Sprachen (DJBisch und Fritzisch) lernen? Und das alles nur, weil dir die Begriffe der PO nicht gefallen?
Gewiss ist die PO nicht das Maß aller Dinge. Aber wo sie Begriffe definiert, nutze ich diese als Basis, auf die ich mein Trainig aufsetze. Schließlich möchte ich meinen Teilnehmenden für Vereinswechsel oder Auswärtstraining überall eine möglichst gute Verständigungsgrundlage bieten. Zusätzliche Verfeinerungen sind ja immer möglich.
Herzliche Grüße,

kastow

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Jupp » 10.02.2012, 16:47

Nur eine kleine Korrektur zum Eingangspost von Fritz bzw. zum angegebenen Beitrag von "Chichirei Kano" aus judoforum.com.

CK gibt in seinem Artikel vom 5.2.2012 eine falsche Jahreszahl an:
Wenn ich richtig informiert bin, dann waren die ersten zusammenfassenden Aussagen von Jigoro Kano über sein Judo-System am 21. Mai 1889 vor der Dai-Nippon-Kyoikukai, der Vortrag vor der Großjapanischen Vereinigung für Erziehung (vgl. Niehaus 2003, S. 269), also nicht erst 1898 (also 9 Jahre später) vor dem Butokukai (Dai-Nippon-Butokukai = „Großjapanische Vereinigung der kriegerischen Tugenden“, 1895 in Kyoto gegründet). Niehaus übersetzt diesen Vortrag (der durch Demonstrationen unterstützt wurde) mit „Über Judo im Allgemeinen sowie sein Wert für die Erziehung“

Vermutlich hat sich CK in den Jahreszahlen vertan, denn alles, was er später anführt (z.B. die Namen von 8 Würgegriffen, 3 Haltegriffen und „einer nicht näher definierten Anzahl von Armhebeln (Ude-hishigi)“ wird von Niehaus ebenfalls exakt so beschrieben (S. 284/85).

Allerdings wird in Kanos Vortrag auch klar, dass es sich bei den aufgezählten Techniken nur um eine Auswahl handelt, die dem Publikum erläuternd zu Kanos Vortrag demonstriert werden. Es müssen also zu dieser Zeit mehr Katame-waza im Kodokan-Judo (?) bekannt gewesen sein, als Niehaus (und auch CK) schildert. Diese werden jedoch nicht näher benannt.

Laut der Übersetzung von Alex Bennett wurde die Katame-no-kata nach der Nage-no-kata entwickelt, womit wohl zunächst einfach die Reihenfolge und kein zeitlicher Zusammenhang gemeint ist: "Die Katame-no-kata ...besteht aus fünzehn repräsentativen Techniken (bis 1915 waren es nur 10), die in drei Gruppen unterteilt sind: Osae-waza, Shime-waza und Kansetsu-waza. Wieder einmal reichte Kano, als 1906 die Butokukai-Kata zusammengestellt wurden, die 15 Techniken zur Diskussion ein, die im Kodokan verwendet wurden. Nach einigen kleineren Modifikationen wurden diese akzeptiert.“ (Bennett 2009, S. 71)

Syd Hoare schreibt: „In den ersten fünf Jahren des Kodokan bis 1887 entwickelte Kano die sechs grundlegenden Kata: Nage-no-kata, Katame-no-kata, Ju-no-kata, Kime-no-kata, Koshiki-no-kata (eine Kito-ryu-kata) und Itsutsu-no-kata.“ (Hoare 2009, S. 60)

Nach Hoare (2009, S. 114) hatte Kano beim Butokukai-Meeting 1906 wohl nur 10 Techniken vorgeschlagen, denn „die Katame-no-kata wurde ebenso (wie die Nage-no-kata) von den original 10 Techniken auf 15 aufgestockt und dann vom Ausschuss angenommen.“

Nur eine kleine Ergänzung und Korrektur zum Eingangspost, der derzeit ein wenig aus dem Blick geraten ist.

Jupp

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Fritz » 10.02.2012, 22:59

kastow hat geschrieben:Hm, und wie handhabst du z.B. die Anwendungsaufgabe im Boden für den fünften Kyu (Angriffe aus und Verteidigung gegen Beinklammer)? Wiederholst du dort die Anwendungen aus dem sechsten Kyu (Angriff aus und Verteidigung gegen Rückenlage)? Wie machst du z.B. einem externen Prüfer klar, dass deine Schützlinge statt einer Beinklammer lieber 'Vorkenntnisse' anwenden? Oder müssen deine Teilnehmenden gar zwei Sprachen (DJBisch und Fritzisch) lernen? Und das alles nur, weil dir die Begriffe der PO nicht gefallen?
Also schauen wir mal was genau in der PO steht:
6.Kyu hat geschrieben:• 1 Angriff wenn Uke auf dem Rücken liegt (Tori zwischen Ukes Beinen im Stand oder auf den Knien)
• 1 Angriff aus der eigenen Rückenlage (Uke zwischen Toris Beinen) mit Haltegriff abschließen.
5.Kyu hat geschrieben:• Einsatz der Beinklammer zur Verteidigung in der eigenen Rückenlage
• 1 Befreiung aus der Beinklammer
Interessanterweise wird "Beinklammer" erst in der Dan-PO definiert, die deutlich später als die Kyu-PO verabschiedet wurde...
In der Kyu-PO findet sich keine Definition. Ich müßte also noch mal im alten Dan-Material nachschauen, was da zu Boden-Standard-Situationen
steht, habs grad nicht da...
In der Regel lasse ich sie für den 5. Kyu schon mit der einseitigen Beinklammer arbeiten, sonst ergibt es ja keinen Sinn im Vergleich mit dem
6. Kyu. Wobei u.U. im ersten Teil der zitierten 5.Kyu-Aufgabe auch die beidseitige Beinklammer geht, denn die Aufgabe heißt ja,
"Einsatz der Beinklammer zur Verteidigung" und das stellt im Vergleich zum 6. Kyu bereits eine neue Qualität da, denn im 6. Kyu wird die "Situation" als
gegeben vorausgesetzt, während beim 5. Kyu gezeigt werden soll, wie die Situation überhaupt erst herbeigeführt werden kann... Und wenn
der Übling halt beim Erarbeiten der Beinklammer das Glück hat, nicht nur die einseitige Beinklammer "zu schaffen", sondern Uke vollständig zu klammern
--> umso besser ;-)
Ansonsten verstehe ich nicht, wo Du ein Problem eigentlich siehst betreffend meiner Suche nach deutschen Bezeichnungen für konkrete
Techniken/Positionen des Bodenkampfes, die über die allgemeinen Beschreibungen von "DJB-Standardpositionen" -
welche wohl auch bewußt allgemein gehalten worden sind - hinausgehen? Nur weil die PO recht allgemein und offen formuliert sind,
kann man ja im Training etwas konkreter werden... :eusa_think
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von katana » 10.02.2012, 23:35

Ich glaube, du hast die deutschen Begriffe falsch verstanden Fritz.
Als "Beinklammer" wird im DJB immer das Umklammern eines Beines von Uke bezeichnet.
Wogegen die "Closed-Guard"-Position (also das Umklammern des Körpers von Uke mit den Beinen) als "Angriff zwischen den Beinen" bezeichnet wird.

KK

CasimirC
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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von CasimirC » 11.02.2012, 12:49

...wobei bei einem "Angriff zwischen Ukes Beinen" in meinen Augen nicht zwingend von einer Klammerposition ausgegangen werden muss.

Ich verstehe aber nicht, wieso derart penibel auf den Begriff "Standardsituation" eingegangen wird - für mich ist dieser Begriff selbsterklärend.

I.) Es gibt folgende Ausgangssituationen:

Uke in der Bauchlage/ in der Bank/ auf dem Rücken/ im Kniestand
Tori in der Bauchlage/ in der Bank/ auf dem Rücken/ im Kniestand

II.) Auf diesen Standard-Situationen wird dann aufgebaut und es gehört eine Angabe dazu, welche Position der Partner einnimmt:

Tori/ Uke ebenfalls im Kniestand
Tori/ Uke greift an von vorne/ hinten/ der Seite/ oben/ zwischen den Beinen
Tori/ Uke hält fest/ versucht zu würgen/ versucht zu hebeln/ klammert/

III.) Zusätzlich kommt dann vielleicht noch eine gestellte Aufgabe für Tori, sofern II.) eine von Uke ausgehende Aktivität beschreibt.

Je nach Situation kann noch ein Punkt IV.) hinzukommen.

Fertig ist das Ganze. Für meinen Geschmack reicht das vollkommen aus, ich brauche da keine 180 Begriffe, egal ob englisch, japanisch, französisch oder deutsch, um da jede einzelne mögliche Situation zu benennen.

Meine Frage an dieser Stelle: Gibt es wirklich Judo-Systeme, die jede einzelne dieser Situationen konkret benennen?
Theorie: Wenn alle wissen, wie es geht, und es geht nicht.
Praxis: Wenn es geht, und keiner weiß, warum.

HBt.

Judosysteme

Beitrag von HBt. » 11.02.2012, 16:11

Meine Frage an dieser Stelle: Gibt es wirklich Judo-Systeme, die jede einzelne dieser Situationen konkret bennen?
Mir ist kein System bekannt, das alle erdenklichen Ausgangspositionen mit spezifischen Bezeichnungen (Namen) kennzeichnet. Wozu auch?

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Fritz » 11.02.2012, 23:29

katana hat geschrieben:Ich glaube, du hast die deutschen Begriffe falsch verstanden Fritz.
Als "Beinklammer" wird im DJB immer das Umklammern eines Beines von Uke bezeichnet.
Wogegen die "Closed-Guard"-Position (also das Umklammern des Körpers von Uke mit den Beinen) als "Angriff zwischen den Beinen" bezeichnet wird.
Stimmt Du hast recht... in den Eräuterungen zur Dan-PO steht es so drin, egal ob alt oder neu, hab nochmal nachgeschaut...
CasimirC hat geschrieben:..wobei bei einem "Angriff zwischen Ukes Beinen" in meinen Augen nicht zwingend von einer Klammerposition ausgegangen werden muss.
Also im Umkehrschluß gibt es also auch ein Angriff zwischen Ukes Beinen, wo von eine Klammerposition vorliegen kann.
Aber Beinklammer ist ja, wie katana sehr richtig anmerkte, definiert als Umklammern eines Beines
--> Widerspruch zu "Angriff zwischen den Beinen"
Um es also weiterzuspinnen und den Widerspruch aufzulösen, nehmen wir an - rein sprachlich - Klammerposition =!= Beinklammer
Also sagt man dann seinen Üblingen. "Ausgangslage: Tori zwischen Uke Beinen in Klammerposition / Tori zwischen Ukes Beinen ohne Klammerposition"?
Ja - womit würde denn im Falle des Falles geklammert werden? In der Regel mit den Beinen...
Also: Klammer mit den Beinen =!= Beinklammer?
Dann gibt es Leute, die können klammern, ohne die Beine hinter Uke zu verschränken (Dojime), die haben dabei ihre Beine offen...
Das verwirrt noch mehr, vor dem Hintergrund von CasimirCs Aussage, daß es ja Situationen für "Angriff zwischen Ukes Beinen" gibt,
wo nicht geklammert wird, es fällt mir da schwierig mir vorzustellen, was dann noch übrigbleibt - Tori liegt/kniet/steht zwischen
Ukes Beinen, der nicht im mindesten daran interessiert ist, seine Beine einzusetzen?
Oder kommen da vielleicht nur Positionen ins Spiel, die _ich_ (entsprechend eines Vorbeitrages von mir) jetzt mal mit Schmetterlings-Haltung oder
Spinnen-Haltung bezeichnen würde... Ups: der "offizielle" Begriff "Angriff zwischen Ukes Beinen - aber ohne Klammer!)" hilft mir jetzt
aber auch nicht weiter, wenn ich jemanden erklären will, daß ein Vereinskamerad zwar an der Spinnen-Haltung seines Gegner nicht vorbei kam
aber er nicht an der Schmetterlings-Position gescheitert ist...

Wodurch kommt das Schlammassel? "Beinklammer" hat rein sprachlich einfach zwei Bedeutungen:
a) mit den Beinen wird geklammert
b) das Bein wird geklammert
Die DJB-Definition ist also Bedeutung b) - das mag für die grobe Einteilung von "Standardsituation am Boden" reichen - präziser wäre dann allerdings, anstelle
von "Beinklammer" zu sagen: "Situation geklammertes Bein".
Wie oben angedeutet, sind es grobe Situations-Vorgaben, ideal für ein offene Prüfungsanforderung...
Aber die konkrete Umsetzung, das konkrete Umgehen mit einer solchen Situation, erfordert eine andere sprachliche Ebene...
Die beim BJJ wohl mit den verschiedenen "Guard"-Typen abgehandelt wird: Close-Guard, Open-Guard, Butterfly-, Spider-, "Was auch immer"-Guard...
Abgesehen davon, werd ich im alltäglichen Sprachgebrauch, meinen sprachlichen Begriff "Beinklammer" nicht wegen einer
DJB-Definition semantisch "beschneiden" ;-)
Aber das kann natürlich jeder anders sehen...
Nur frag ich mich dann, warum im Stand dann Begriffe wie "Koshi/Ashi"-Uchi-Mata, Kata-Ashi-Dori, die ganzen XXX-Seoi-Nage
O/Ko-Uchi-Barai/Gari ersonnen wurden (von wem auch immer),
wenn doch Uchi-Mata, Kuchiki-Daoshi, Seoi-Nage, O/Ko-Uchi-Gari völlig ausreichend sein müßten, bzw. doch
eigentlich schon "Wurf nach vorn / hinten / links / rechts" oder gar nur die Beschreibung der Auslagen "links/rechts, gegengleich oder nicht"
doch völlig ausreichend wären zur Kommunikation... ;-)
Mit freundlichem Gruß

Fritz

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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Makikomi Kid » 11.02.2012, 23:57

Ich möchte auch mal folgendes in den Raum werfen:

Definiert man die Guard als eine "Situation", so wird man ihr nicht gerecht.
Da man dann ja die "Aktion" nur auf Seite der Person sieht, die am Wärter vorbei muss. Aber ein gute Guard ist mehr als einfch nur Beine, die irgendwie im Weg sind.
Ich kontrolliere damit die Position und die Haltung meines Gegeners. Ich gebe bzw. nehme ihm bestimmte Optionen. Ich nutze sie als eine vorteilhafte Position für mich.

Je nach Variante habe ich andere Einflußmöglichkeiten.

Das Erreichen und das Passieren der Guard, die Optionen aus der Guard, etc. rechtfertigen der Sache ein deutlich höheres Gewicht beizumessen.

Und ja, klar, ist es eine Situation. Aber eine, in der die Person in Unterlage die Möglichkeit hat direkt aktiv zu werden, wohin gegen die Person in Oberlage erst mal nur eine Option hat: Guard Pass.
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Re: Ne-Waza Begriffe

Beitrag von Jupp » 12.02.2012, 13:40

Vielleicht hilft der nachfolgende - relativ lange Beitrag - einige der in diesem Faden angesprochenen Probleme zu klären. Möglicherweise wird daran auch deutlich, dass es im Bereich des Judo in den vergangenen Jahren (möglicherweise ja schon vor Geburt des einen oder anderen Users hier) schon Überlegungen zur Systematik (Ordnung, Struktur, Reihenfolge) und Methodik (zielgruppenorientierte Vermittlung von Inhalten) gegeben hat.
Ich bitte, die nachfolgenden Überlegungen keinesfalls als endgültig oder abgeschlossen zu betrachten.

Ne-waza – das weite Feld des Bodenkampfes

1. Begriffsklärungen
1.1 Was sind Grifftechniken im Judo und welche Funktion haben sie?
Vor allem die Bodentechniken zeichnen sich durch großen Variantenreichtum und nahezu unbeschränkte Angriffsmöglichkeiten aus. In den sechziger Jahren hatte es sich eingebürgert, jede nur denkbare Variante mit einem eigenen japanischen Namen zu bezeichnen, wobei nicht immer klar war, ob ähnliche Namen auch ähnliche Techniken beschrieben.
Ansätze zu einer Systematisierung der Katame-waza haben daher nicht nur die Absicht, die Techniken in einen methodischen Zusammenhang zu bringen, um sie einfacher oder sinnvoller zu unterrichten, sondern vor allem die ausufernden Bezeichnungen der einzelnen Technikvarianten zu reduzieren, um sie auch für Anfänger wieder verständlich zu machen. Katame-waza kann man übersetzen mit Kontroll-Techniken (katame = „kontrollieren, unbeweglich machen“; eine vollständige, weltweit einheitlich anerkannte Systematisierung der Griff- bzw. Kontrolltechniken (ähnlich der Gokyo bei den Wurftechniken) gibt es bisher nicht.

Ziel des Judo-Bodenkampf ist es, die Kontrolle über den Gegner zu erreichen und sich gleichzeitig der Kontrolle durch den Gegner zu entziehen.

Im modernen Judokampf sind drei verschiedenen Möglichkeiten gestattet, Kontrolle am Boden mit Hilfe von Kontrolltechniken (Katame-waza) zu demonstrieren:
- Osae-komi-waza (Haltegriffe) mit der Idee, den Gegner regelgerecht festzuhalten (im Wettkampf benötigt man 25 Sekunden für einen Ippon)
- Kansetsu-waza (Hebeltechniken) mit der Idee, den Arm des Gegner am Ellenbogengelenk zu überstrecken oder zu verdrehen und ihn dadurch zur Aufgabe zu zwingen
- Shime-waza (Würgetechniken) durch einen Würgegriff zur Aufgabe (oder zur Ohnmacht) zu zwingen.

Die Wettkampfregeln im Judo erlauben Katame-waza im Stand und am Boden, wobei direkt im Stand nur Armhebel und Würgegriffe wirksam werden können. Wenn man über Systematisierungen von Katame-waza spricht, muss man vorher präzise unterscheiden, was man alles zu diesem Bereich rechnen will. So ist die Diskussion nicht eindeutig entschieden, wann eine Grifftechnik beginnt und wann sie endet.
Eine (enge) Sichtweise beschreibt ausschließlich die Aktion, die im sportlichen Vergleich mit Ippon (vollem Punkt) bewertet wird, also die Position oder Lage, wo der Kampfrichter „Osae-komi“ (Haltegriff zählt!) ansagt oder in der ein Armhebel oder Würgegriff wirksam wird. In der Sportwissenschaft hat sich für diesen entscheidenden Augenblick der Technik der Begriff der „Hauptfunktion“ (oder „Hauptfunktionsphase“ nach Ulrich Göhner) festgesetzt (vgl. dazu auch Matthias Schierz „Judo-Praxis“, Programme-Übungen-Lernhilfen, Reinbek 1989, S. 54 ff).
Die andere (weite) Sichtweise beschreibt Grifftechniken von dem Moment an, wo sie situativ sinnvoll angesetzt werden können (Ausgangssituation) bis zu dem Augenblick, wo sie in einer Endposition (Hauptfunktionsphase) wirksam werden.

Aus heutiger Sicht kann man daher bei allen Judotechniken drei bestimmende Aspekte analysieren:
1. Ausgangssituation
2. Annäherungen durch Zwischenbewegungen
3. Technikausführung

2. Teilaspekte der Katame-waza
2.1 Ausgangssituation
Die Ausgangssituation ist eine durch einen Bewegungsfehler von Uke oder durch geschicktes Verhalten von Tori geschaffene Konstellation der beiden Kontrahenten, die für die Ausführung einer bestimmten Technik günstig erscheint.
Das Hauptproblem besteht darin, dass Tori diese Situation nicht nur möglichst schnell als günstig erkennt, sondern quasi gleichzeitig für seinen Technikansatz zu nutzen beginnt.

2.2 Annäherung durch Zwischenbewegungen
Um nun von der Ausgangssituation - also einer bestimmten Konstellation der beiden Übenden zueinander - in eine (End-) Position zu gelangen, in der die Ausführung der Judotechnik ermöglicht wird, muss Tori bestimmte Zwischenbewegungen durchführen (drehen, wenden, überrollen, belasten, schneiden usw.).
Zumeist besteht die Aufgabe dieser Zwischenbewegungen darin, Uke in seinen Bewegungsmöglichkeiten einzuschränken (vor allem am Boden) und/oder engeren Körperkontakt herzustellen. Je größer der dabei zurückzulegende Weg ist und je länger er dauert, um so größer sind die Verteidigungschancen für Uke.
Ideal ist es also, eine Ausgangssituation zu haben, die nur sehr wenige, kleine Bewegungen in einer kurzen Zeitspanne erfordert, um die für die Technikausführung notwendige Kontrolle und Endposition zu ermöglichen.

2.3 Technikausführung in der Endposition
Die Endposition ist bei Haltegriffen sehr gut definiert. Sie stimmt überein mit der Position, die Tori gegenüber Uke einnehmen muss, damit der Kampfrichter „Osae-komi!“ (ab jetzt zählt die Haltegriffzeit) ansagt. Bei Armhebeln und Würgegriffen ist sie in dem Augenblick erreicht, wo der jeweilige Griff die endgültige Ausführung der Technik ermöglicht, also das Überstrecken oder Verdrehen des Ellenbogengelenks bei Armhebeln oder das Abschnüren der Luft- bzw. Blutzufuhr bei Würgegriffen.

Die verschiedenen Ansätze zu einer Systematisierung der Grifftechniken unterscheiden sich nicht nur durch Anzahl der definierten Techniken und Gruppierung nach gemeinsamen Merkmalen, sondern vor allem durch das zugrunde liegende Technikverständnis. Insbesondere dadurch wie weit von der Endposition der Technik zurück gesehen, vorbereitende Zwischenbewegungen oder sogar günstige Ausgangssituationen mit beschrieben werden, also durch eine eher enge oder weitere Sichtweise der Techniken.
Die Frage bei der Beschreibung der Techniken ist bei der engen Sichtweise nur, „Wie mache ich mit dieser Technik einen Ippon?“ Bei einer erweiterten Sichtweise kommen dann noch Fragen hinzu wie „Was muss ich tun, um in die Endposition zu gelangen?“ und/oder „ Was ist ein günstiger Moment, um mit den Vorbereitungen für meine beabsichtigte Technik zu beginnen?“ Unterschiedliche Sichtweisen (Perspektiven) bedingen dann natürlich auch unterschiedliche Systematisierungen, je nachdem was der Autor zu wesentlich hält.

3. Nach welchen Kriterien (Maßstäben) kann man Grifftechniken systematisieren?
Nach Studium der Fachliteratur erscheinen mir folgende fünf Gliederungskriterien bei den verschiedenen Ansätzen Verwendung gefunden zu haben. Nur einige der Autoren haben das Kriterium, nach dem sie ihre Grifftechnik ordneten auch ausdrücklich genannt. Bei anderen musste der Gliederungsgesichtspunkt erst aus den Gliederung rückschauend ermittelt werden.
1. Stand- oder Bodenkampf: Grifftechniken können im Stand und am Boden angesetzt werden. Werden sie im Standkampf angesetzt, so muss ihre Wirkung sofort einsetzen oder aber im Übergang zum Boden erkennbar und in der Bodenlage sofort erreicht werden.
2. Kontrollprinzip: Grifftechniken können als Haltegriffe, Armhebel oder Würgegriffe wirksam werden. Bei den Osae-komi-waza (Haltegriffen) kann man die Prinzipien Kesa (als sogenannter 3-Punkt-Haltegriff) und Shiho (als sogenannter 4-Punkt-Haltegriff) unterscheiden. Bei den Kansetsu-waza (Armhebeln) wird zwischen Ude-hishigi (Armstreckhebebel) und Garami (Armbeugehebel) allgemein unterschieden und bei den Shime-waza (Würgegriffe) nach der Stellung der Partner zueinander, also z.B. von vorne mit Juji-jime (Angesicht zu Angesicht) oder von hinten mit Eri-jime.
3. Die Stellung zum Partner in dem Augenblick, wo der Griff angesetzt wird.
4. Bewegungsverwandtschaft bei der Ausführung der Technik.
5. Anwendungsmöglichkeit zur Lösung der Grundsituationen des Bodenkampfes.

4. Die Systematisierung des Kodokan
Auf seiner Homepage (http://www.kodokan.org) unterscheidet der Kodokan
o Osae-komi-waza (7 Techniken)
o Shime-waza (12 Techniken) und
o Kansetzu-waza (10 Techniken).
Diese werden in dem Buch „Kodokan-Judo“ (vgl. Lit. 16) ausschließlich mit nur einem Foto statisch als Endposition vorgestellt und beschrieben, also ohne Ausgangssituation und vorbereitende Bewegungen, jedoch mit Varianten zum jeweils verwendeten Namen.
Der Kodokan benutzt den formellen Namen „Kuzure-kesa-gatame“ anstatt den üblicherweise verwendeten „Makura-kesa-gatame“ oder „Ushiro-kesa-gatame“ (http://www.kodokan.org).
Weiter wird ausgeführt, dass „Kesa“ und „Kami-shiho“ die einzigen Techniken sind, die „Kuzure“ vorangestellt bekommen. Es gibt kein Kuzure für die anderen Haltegriffe(http://www.kodokan.org).
Außerdem weist der Kodokan darauf hin, dass er sich nicht damit begnügt, Juji-gatame oder Ude-gatame zu sagen, sondern es bevorzugt, von „Ude-hishigi-juji-gatame“ und „Ude-hishigi-ude-gatame“ zu sprechen.

7 Osae-komi-waza:
1. Hon-kesa-gatame
2. Kuzure-kesa-gatame
3. Kata-gatame
4. Kami-shiho-gatame
5. Kuzure-kami-shiho-gatame
6. Yoko-shiho-gatame
7. Tate-shiho-gatame

11 Shime-waza
1. Nami-juji-jime
2. Gyaku-juji-jime
3. Kata-juji-jime
4. Hadaka-jime
5. Okuri-eri-jime
6. Kata-ha-jime
7. Sode-guruma-jime
8. Kata-te-jime
9. Ryo-te-jime
10. Tsukkomi-jime
11. Sankaku-jime
12. (Do-jime*)

9 Kansetsu-waza
1. Ude-garami
2. Ude-hishigi-juji-gatame
3. Ude-hishigi-ude-gatame
4. Ude-hishigi-hiza-gatame
5. Ude-hishigi-waki-gatame
6. Ude-hishigi-hara-gatame
7. Ude-hishigi-ashi-gatame
8. Ude-hishigi-te-gatame
9. Ude-hishigi-sankaku-gatame
10. (Ashi-garami*)

* = in Randori und Wettkampf verbotene Griffe


4.1 Beurteilung dieser Systematisierung des Kodokan
Die Haltegriffe des Kodokan werden alle ausschließlich in ihrer Endposition vorgeführt, also in der Stellung, in der „Osae-komi“ angesagt würde. Die sieben verschiedenen Haltegriffe werden in verschiedenen Varianten vorgestellt (vgl. Kodokan Judo Jigoro Kano, Tokyo 1986, S.110 ff) und beschrieben. Nach den Haltegriffen werden 11 Würgegriffe vorgestellt und zum Abschluss 9 Armhebel.
Warum die Techniken in dieser Reihenfolge präsentiert werden und gerade diese Varianten ausgewählt wurden und warum Angaben über Anwendungssituationen fehlen, wird nicht näher begründet.
Es handelt sich um eine reine Stoffsammlung ohne jeden systematisch/methodischen Anspruch.

5. Die Systematisierung der Grifftechniken bei Hofmann
Ähnlich wie Geesink versuchte auch Wolfgang Hofmann 1969 die Nachteile des Kawaishi-Systems durch Zusammenfassung von Techniken ähnlicher Bewegungsstruktur auszuschalten. Ausgangspunkt seiner Überlegungen waren die Haltegriffe: „Die drei Gebiete des Bodenkampfes stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander; bevor man den Partner hebeln oder würgen kann, muss man ihn unter Kontrolle haben, muss man ihn festhalten. Ein kontinuierlicher Fortschritt im Bodenkampf geht nur über das Studium der Haltegriffe“ Weiter folgerte er dann im Anschluss an die Kritik des Systems Kawaishi: „da aber jeder Griff aus ganz verschiedenen Lagen angesetzt werden kann, ohne eigentlich ein neuer Griff zu sein, ist eine Systematisierung, die davon ausgeht, welches Prinzip gültig ist, auch sinnvoll.“ (Hofmann, 1969, S. 149)
„Bei der Vorstellung werden die Griffe, die nur das Hauptmerkmal variieren, zu einer Gruppe zusammen-gefasst und bis auf einige markante Spitznamen einheitlich als Variation (Kuzure) der Grundtechnik bezeichnet, ohne die jeweilige Variation auch im Namen zum Ausdruck zu bringen“ (Hofmann, 1969, S. 150) Hofmann systematisierte folgendermaßen:

Fünf Grundhaltegriffe
1. Kesa-gatame
• Kuzure-kesa-gatame
• Gyaku-kesa-gatame
• Makura-kesa-gatame
2. Kata-gatame
• Kuzure-kata-gatame
3. Yoko-shiho-gatame
• Kuzure-yoko-shiho
• Kata-osae-gatame
4. Kami-shiho-gatame
• Kuzure-kami-shiho
• Ura-shiho-gatame
• Kami-sankaku-gatame
5. Tate-shiho-gatame
• Kuzure-tate-shiho
• Tate-sankaku-gatame

sieben Armhebel:
1. Ude-garami
• Gyaku-ude-garami
2. Ude-gatame
3. Kannuki-gatame
4. Hiza-gatame
5. Waki-gatame
6. Hara-gatame
7. Juji-gatame

sieben Würgegriffe:
1. Juji-jime
2. Okuri-eri-jime
3. Hadaka-jime
4. Ryo-te-jime
5. Kata-te-jime
6. Ashi-jime
7. Kata-ha-jime

Bei den Haltegriffen unterscheidet Hofmann zwischen Kesa („Schräg mit der Seite halten und von den vier möglichen Punkten – zwei Schultern, zwei Hüften – nur drei fixieren“) und Shiho („Von oben mit der Brust halten und vier Punkte = Shiho fixieren“). Bei den Armhebeln unterscheidet er nach der Mechanik Beuge- und Streckhebel als zwei große Gruppen, aber im weiteren auch danach, welcher Körperteil hauptsächlich den Hebel verursacht. So erhält er „sieben verschiedene Gruppen von Armhebeln, die mit ihren Variationen zwar die 24 Armhebel des Systems Kawaishi umfassen, ohne jedoch durch eine zu ausführliche Namensgebung zu verwirren“ (Hofmann, 1969, S. 184)
„Bei der Klassifizierung der Würgegriffe berücksichtigt man die Wirkungsweise der Hände, den Einsatz der Beine und wie der gegnerische Körper unter Kontrolle gebracht wird.“ (Hofmann, 1969, S. 200)

4.1 Beurteilung dieser Systematisierung von Wolfgang Hofmann
Die von Wolfgang Hofmann entwickelte Aufteilung der Grifftechniken lag der früheren DJB-Prüfungsordnung (1970 bis 1991) zu Grunde (vgl. Judo Heft 1/1971, S.14/15). Der Irrtum, diese „Hofmannsche-Systematik“ dem Kodokan zuzuschreiben – was auch heute noch häufig passiert (vgl. Budoka 4/2001, S. 29) - beruht auf dem gleichen Denkfehler wie die Go-kyo mit einer Ausbildungs-Vorschrift gleichzusetzen.
Ursache dafür war, dass man Anfang der siebziger Jahre den fünf Stufen der Go-kyo fünf Gürtelfarben zuordnete, von gelb für die 1. Stufe bis braun für die 5. Stufe. Ein Verfahren, dass es in Japan weder beim Kodokan noch sonst irgendwo gibt.
Um den Bodenkampf „prüfungstauglich“ zu machen verteilte man die „Hofmannsche-Boden-Systematisierung“ auf die fünf Gürtelstufen. Auf Lehrtafeln wurden nun diese beiden Prüfungsbereiche Boden und Stand dargestellt, parallel in fünf Stufen, jeweils umrahmt von den Gürtelfarben gelb bis braun. Die Standtechniken auf diesen Gesamt-Übersichten demonstrierten Wolfgang Hofmann und Mahito Ohgo (als Auszüge aus Hofmanns Buch), die Bodentechniken demonstrierten Takehide Nakatani, der japanischen Olympiasieger –70 kg von 1964, der damals als DJB-Bundestrainer arbeitete und Miroslaw Ralenowski, ein junger tschechischer Leichtgewichtler, der zu dieser Zeit in Hofmanns Judoschule in Köln („Bushido“) als Judolehrer unterrichtete. Hofmann hatte also zwei Lehrtafeln entwickelt, mit der Absicht, den Prüfungsstoff übersichtlich darzustellen. Aus der parallelen Darstellung dieser fünf Gürtelstufen wurde die Missinterpretation von fünf Lehrstufen, die wiederum mit der Go-kyo assoziiert wurden (werden?).
Hofmanns Systematik wurde lange Jahre als Grundlage der Lehrarbeit in der Bundesrepublik Deutschland angesehen. Erst mit der Einführung der neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung 1992 änderte sich dies und eine andere Systematisierung (die von den Ausgangssituationen her ausgeht) wurde eingeführt.
Hofmanns Verdienst bestand 1970 darin, die künstliche Trennung eng bewegungsverwandter Techniken im Lernprozess aufgehoben zu haben. Der für die Verbreitung des Judo – vor allem im Kinderbereich – hinderliche Begriffswirrwarr konnte eingeschränkt werden und nur die japanischen Namen, die eine Grundidee bezeichneten wurden beibehalten, ohne die Vielzahl der möglichen Varianten einzuschränken. Somit wurde das Erlernen bewegungsverwandter Techniken erleichtert. Die zahlreichen unterschiedlichen Anwendungssituationen des Systems Kawaishi beschränkte Hofmann ebenfalls auf einige wenige, die jedoch im sportlichen Kampf häufig auftraten.

5. Didaktische sowie systematisch-methodische Überlegungen zur Vermittlung des Bodenkampfs im Zusammenhang mit der Kyu-Prüfungsordnung von 1995
In den offiziellen DJB-Lehrbüchern „Judo lernen“ (Bonn 1996) und „Judo anwenden“ (Bonn 1997) hat der Autor Ulrich Klocke für den Bereich der Grifftechniken folgende didaktischen Überlegungen angestellt (Judo lernen, 1996, S. 8):
a) Alle Judotechniken werden nicht als Selbstzweck vermittelt, sondern sie sollen Kampfsituationen lösen helfen.
b) Judo wird als ein kämpferisches Spiel von Aktion und Reaktion zwischen Uke und Tori verstanden.
c) Frühzeitig werden grundlegende technische Prinzipien (d.h. nicht nur konkrete Techniken) vermittelt.
d) Bodentechniken sollen von Beginn an Bodensituationen lösen helfen.

Unter dem Stichwort: „Tipps zum Bodenprogramm“ (Judo lernen, 2007, S. 19): werden folgende systematisch-methodischen Hinweise gegeben:
a) Bevor man Haltegriffe unterrichtet, muss den Übenden zunächst klar gemacht werden, was im Judo ein Haltegriff ist (lt. Regelwerk)
b) Auch Haltegriffe sollten beidseitig geübt werden – so werden sie häufig besser verstanden.
c) Ist die richtige Griffhaltung bekannt, sollen die Situationen geübt werden, aus denen man Haltegriffe entwickeln kann (z.B. Kniestand, Bankposition, Bauchlage, Übergang vom Stand zum Boden).
d) Bodenkampf sollte immer in den Situationen beginnen, aus denen man gelernt hat, Haltegriffe zu entwickeln. Die Situation „Rücken an Rücken“ sollte möglichst wenig praktiziert werden (oder nur als Übungsform im Anfängerbereich), da sie im sportlichen Wettkampf nicht erscheint.
e) Zu jedem unterrichteten Haltegriff sollten mindestens zwei (besser drei!) Befreiungen gezeigt werden, damit „Chancengleichheit“ besteht. Halten ist leichter als sich befreien!
f) Die Befreiungstechniken sollten sich ergänzen, d.h. sie sollten so abgestimmt sein, dass eine Verteidigung auf die erste Befreiung eine gute Voraussetzung für die zweite Befreiung ist bzw. umgekehrt.
g) Befreiungen sollten mit einem eigenen Haltegriff beendet werden, wenn dies sich als möglich und sinnvoll erweist.

Sobald sich bei Uke die Sicherheit im Fallen verstärkt, sollten möglichst alle Haltegriffe aus dem Übergang Stand-Boden entwickelt werden (Judo lernen, 2007, 45). Damit kommt zum Ausdruck, dass – auf der Grundlage des Judo als Sportart – sich Wurftechniken und Grifftechniken sowohl im sportlichen Wettkampf als auch im Unterricht systematisch und methodisch eigentlich nicht mehr strikt trennen lassen. Grifftechniken entwickeln sich im sportlichen Judo ausschließlich aus dem Standkampf heraus und sollten so auch eingeführt, geübt und trainiert werden. Dieser Gedanke betont die Notwendigkeit eines systematischen Zusammenhangs zwischen Ausgangssituation und sich daraus ergebender Grifftechnik. Auch Bodentechniken erhalten ihren Sinn vor allem aus ihrem wirkungsvollen Beitrag zur Lösung einer judosportlichen (Kampf-)Situation, zur Lösung der sportlichen Bewegungsaufgabe des Judo, dem Erzielen des Ippon.

6. Welche Positionen oder Rollen lassen sich für den Judo-Bodenkampf feststellen?
Grundsätzlich kann man im Judo-Bodenkampf die Rollen der beiden Partner nach verschiedenen Gesichtspunkten unterscheiden.
• Neben der klassischen Einteilung nach Tori (toreru= greifen, ergreifen; derjenige, der angreift) und Uke (ukeru= dulden, erleiden; derjenige, der angegriffen wird) kann man
• nach der jeweiligen Lage einen Ober- und einen Untermann unterscheiden. Sowohl als Ober- als auch als Untermann kann man Uke und Tori sein, also angreifen und angegriffen werden.
Während man als Obermann den allgemeinen Vorteil hat, sein Gewicht mit einsetzen zu können, kann man als Untermann (wenigstens in Rückenlage) Hände und Füße zugleich als "Waffen" benutzen.

7. Welche Bodenkampf-Situationen kann man unterscheiden?
Neben den unterschiedlichen Rollen und Positionen ist es wichtig zu wissen, dass man beim Bodenkampf verschiedene Situationen unterscheiden kann, die in fast jedem Kampf und Bodenrandori wiederkehren. Ich unterscheide:
• den Übergang vom Stand zum Boden infolge eines Wurfes, einer Grifftechnik oder Hikkomi-waza
• die Bank- Bauchlage des Untermanns, wobei der Obermann sich vor dem Kopf, an der Seite oder auf dem Rücken des Untermanns befindet
• die Rückenlage des Untermanns, wobei der Obermann sich vor den Beinen, zwischen den Beinen oder an der Seite des Untermanns befindet, ohne einen Haltegriff angesetzt zu haben.

Wie man sich in den verschiedenen Situationen des Bodenkampfes richtig verhält, hängt von zahlreichen objektiven und subjektiven Faktoren und Einschätzungen durch die Kämpfer ab. Das situativ richtige Verhalten (in einem Wettkampf oder Randori) hängt ab von:
• dem technischen Können und der taktischen Erfahrung der beiden Kämpfer
• dem konditionellen Zustand beider Kämpfer
• dem augenblicklichen Kampfergebnis
• der subjektiven Einschätzung der augenblicklichen Siegchancen durch die Kämpfer
• der allgemeinen psychischen Verfassung der Kämpfer
• der augenblicklichen psychischen Verfassung der Kämpfer

Auf der Grundlage dieser Überlegungen lassen sich sowohl im Judo-Unterricht der Kinder und Jugendlichen als auch im Training der Wettkampf- und Leistungssportler zahllose Übungsformen, zielgerichtete Aufgabenstellungen und Randoriformen entwickeln, die einerseits ein abwechslungsreiches Lehrprogramm ermöglichen, den Lernenden jedoch zugleich die Chancen eröffnen Bodenkampf so zu erlernen, dass die Anwendung der Judotechniken in Kampfsituationen auch gegen den Widerstand des Trainingspartners erfolgreich gestaltet werden kann.

8. Literatur, die für diesen Artikel verwendet und zu diesem Thema zum Studium empfohlen wird:
- Wolfgang Hofmann: Judo, Grundlagen des Stand und Bodenkampfes, Niedernhausen 1969
- Jigoro Kano u.a.: Kodokan-Judo, Bonn 2007 (hrsgb. unter Aufsicht des Kodokan Redaktions-ausschusses
- Masahiko Kimura: Judo für Anfänger und Kämpfer, Müchen1977
- Ulrich Klocke: Judo anwenden, Bonn 2007
- Kazuzo Kudo, Judo Praxis, Frankfurt/Main 1973
- Lehmann/Müller-Deck: Judo, Ein Lehrbuch für Trainer, Übungsleiter und Aktive, Berlin 1987
- Isao Okano: Vital Judo, Boden-Techniken, Wetzlar1976
- Matthias Schierz: Judo Praxis, Reinbeck 1989

Jupp
(September 2008, überarbeitet Januar 2012)

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