Erschreckende Erkenntnis

Hier geht es um Fragen zur Vereinsarbeit, Verbänden und Organisationen
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HBt.

Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von HBt. »

Seit einigen Tagen sitze ich sprichwörtlich sprachlos vor 'der aktuellen Mitgliederliste' unser Vereinsabteilung.

Kleine und große Judospieler nehmen urplötzlich nicht mehr am Training teil, sind einfach verschwunden ... keine Abmeldung, keine Rückmeldung ... jegliche Information fehlt. Kommentarlos melden die Eltern (auch junge Erwachsene - sich ab) ihre Kinder/Jugendliche ab. Was ist an diesem Jahr 2011 so besonderes; die Ganztagsschulen, Schulversorgung schon bei den Erstklässlern bis 16:30h, Alternativangebote oder ist es endlich soweit und die Apokalypse steht vor der Tür?

Einen Mitgliederabbruch von exakt 32%, verbunden mit einer vollständigen Strukturveränderung, kannte ich bisher in diesem Ausmaß (in meinem direktem Umfeld) noch nicht. Das tragende Fundament ist weg, latent erodiert.

Selbstverschuldete Flurbereinigung oder liegt es am Schulangebot der KGS, unserer größten Schule am Ort? Seit ca. drei Jahren unterrichtet u.a. Niedersachens Topschwergewicht der Frauen dort Judo - eine runde Sache (der Fachbereich ist glücklich). Leider Nein, denn der Verein stellt (bzw. stellte) gerne kostenfrei und altruistisch sein Equipment (Mattenfläche) zur Verfügung ... es könnte sich langfristig eine Kooperation entwickeln, Judo regelrecht wieder aufblühen (und dem Vandalismus, durch destruktive Zerstörung von Vereinseigentum vorgebeugt werden) ... allerdings stirbt die Hoffnung bekanntlich zum Schluss. An einer Zusammenarbeit, die über die Unterrichtsverpflichtung hinausgeht, ist Frau Sowieso nach ihren eigenen Worten nicht interessiert. Diese Einstellung kann ich teilweise sogar verstehen, fürs JUDO tut es mir leid.

Judo ist eben doch nur irgend eine belanglose 'Spielsportart'. Moshe Feldenkrais hatte offensichtlich recht, als er in einem Interview sinngemäß sagte: "Professor Kano würde sich im Grabe umdrehen."
HBt.

Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von HBt. »

Ich zitiere aus einer Nachricht an mich:
Hallo _____,
eine Antwort auf deine Frage, warum so viele Mitgieder kommentarlos austreten, kann ich nur erraten.
Ich glaube, dass sich in unser heutigen Gesellschaft kaum noch jemand Gedanken um solche "Kleinigkeiten" wie das Vereinsleben macht, und aus diesem Grund auch so viele
Mitlieder kommentarlos austreten.
Kleinigkeiten!
Ein langjähriges Mitglied bestätigt, was wir alle wissen:
Judo ist eben doch nur irgend eine belanglose 'Spielsportart'.
Die man konsumiert, solange es Spass bereitet, kurzzeitig ... ZAPP.
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Mitesco
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Mitesco »

Hoffentlich ist es nicht überall so, aber leider muss ich sagen dass es für mich nicht erstaunend klingt... es ist die Mentalität vieler heutzutage: Unverbindlichkeit vs. Treue...
Bei uns hat der Sensei einige Monate her auch mal die Mitgliederliste genommen, und entdeckt dass er auch 'nicht nur einige Judoka' schon längere Zeit nicht gesehen hatte. Und die hatten übrigens auch aufgehört zu zahlen. Ohne ein Wort. :danke

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Hofi
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Hofi »

Hi!
Dass Leute aufhören, ohne ein Wort zu sagen, ist leider inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Gerade in einem Mehrspartenverein wird halt die Abmeldung an die Geschäftsstelle geschickt und das wars. Das ist für mich nichts Schockierendes.
Ein Einbruch um 32% ist aber tatsächlich ein erschreckendes Ergebnis, wobei es natürlich eine Frage der Ausgangszahlen ist.
Bei uns wären das ca. 80 Mitglieder, das würde dann wohl doch eher auffallen.

Was die Sache mit der Schule angeht, sollte sich der Verein die Frage stellen, ob dieses altruistische Helfen hier sinnvoll ist oder schädlich. Das hängt sicher auch davon ab, ob man für die Hallenbenutzung etwas zahlt oder nicht. Im letzteren Falle ist man auf gute Verbindungen dringender angewiesen, als wenn man als zahlender Mieter gewisse Ansprüche hat.
Aber eine Ursachenanalyse ist hier wohl definitiv nötig.
Bis dann
Hofi
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von kanou65m »

Diese Entwicklung zeichnet sich schon seit Jahren ab und leider werden sich die Auswirkungen auf den Vereinssport insgesamt noch deutlich verschärfen. Wir haben dieses Thema auch schon mehrfach in diesem Forum diskutiert und mancher Verein hat daraus seine Konsequenzen gezogen. Ich beobachte im Moment ganz unterschiedliche Reaktionen: einige Vereine suchen die Kooperation mit den Schulen, manche Vereine stellen sich völlig neu auf - der Großteil scheint im Moment noch gar nicht zu reagieren.
Landesportverbände bemühen sich zwar nun verstärkt, wieder auf Augenhöhe in den Prozess eingebunden zu werden, aber bei den wichtigen Entscheidungen sind sie leider schon lange außen vor. Der Schlingerkurs der vergangenen Jahre rächt sich nun.
Man hat es schlichtweg versäumt, die positiven Argumente für den Vereinssport rechtzeitig einzubringen und muss sich nun mit den Brotkrumen begnügen.
Vielleicht haben wir uns über die Jahre auch zu sehr von öffentlichen Fördermitteln abhängig gemacht?
Für Sportvereine, die auf die Nutzung von öffentlichen Hallen angewiesen sind, wird sich diese Entwicklung noch dahin gehend verschärfen, dass die Schule Mehrbedarf anmelden werden, ergo die Vereine weichen müssen auf Zeiten, die im Kinder-u.Jugendbereich kaum noch attraktiv sind. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob eine Nutzungsgebühr entrichtet wird oder nicht.
Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Am Ende dieser Rosskur werden neue, moderne Vereine stehen, die den Anforderungen unserer Zeit gewachsen sein werden. Die klassischen Sportvereine, insbesondere die kleineren Mehrspartenvereine, wird es dann so nicht mehr geben.
HBt.

Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von HBt. »

Ich kann kanou65ms Aussagen nur voll und ganz unterstreichen: ich sehe den Sachverhalt genauso.
(..)
Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Am Ende dieser Rosskur werden neue, moderne Vereine stehen, die den Anforderungen unserer Zeit gewachsen sein werden. Die klassischen Sportvereine, insbesondere die kleineren Mehrspartenvereine, wird es dann so nicht mehr geben.
Es wird einfach Zeit, z.B. für mehr Professionalität - doch Kodokan Judo ist kein Konsumgut (im negativen Sinne) ... ;)
Kumamoto
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Kumamoto »

Definiere mal bitte Konsumgut. Meinst Du damit, dass das Kodokan-Judo den aktuellen Trends nicht folgen soll/darf/muss/braucht?
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Mitesco »

Wenn der Verein, worüber HBt spricht, im gleichen Ort ist, worauf sein PLZ hinweist, kann ich mich in sofern dabei etwas vorstellen, dass ich dort vor einigen Jahren ein paar Mal einige Wochen bei Freunden war, die dort wohnen, und dort herum spaziert habe. Was mir deshalb auch frappiert ist, dass ich den Eindruck hatte, dass es dort um ein freundliches Städtchen geht, wo die Leute einander noch ein bisschen kennen, sich grüßen, nicht so wie die Großstadt Hannover oder das naheliegenden Laatzen mit allen diesen Hochhäuser. Ich hatte den Eindruck, dass jene Mentalität dort noch nicht so weit gehen würde, dass man einfach ohne ein Wort zu sagen, nicht mehr aufkreuzt im Judoverein, und schon so viele Mitglieder in einem Jahr. Ich verstehe, dass HBt darüber erschüttert ist. Trotzdem bin ich mir auch sicher, dass nicht nur das Judo sowas trifft. Es ist ein allgemeines soziales Problem, was ich aber keineswegs außer der Großstadt erwartet hätte. Obwohl, bei uns in den Niederlanden fängt es auch an... der Gemeinschaftssinn verschwindet früher oder später überall, auch im Dorf.

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HBt.

Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von HBt. »

Es ist ein allgemeines soziales Problem, was ich aber keineswegs außer der Großstadt erwartet hätte. Obwohl, bei uns in den Niederlanden fängt es auch an... der Gemeinschaftssinn verschwindet früher oder später überall, auch im Dorf.
Mitesco,
Es ist flächendeckend' allerorts so. Positivbeispiele sind die Ausnahme, vor dieser Tatsache müssen wir nicht mehr die Augen verschließen.
Was mir deshalb auch frappiert ist, dass ich den Eindruck hatte dass es dort um ein freundliches Städtchen geht, wo die Leute einander noch ein bisschen kennen, sich grüßen, nicht so wie die Großstadt Hannover oder das naheliegenden Laatzen mit allen diesen Hochhäuser.
Diese Zeiten sind mittlerweile Geschichte. Hier existieren alle sozialen Probleme, genauso wie im benachbarten Hannover, Peine, Braunschweig oder Hildesheim. Die Ausprägung mag eine andere (vielleicht gemilderte Form) sein, welches alleine der Bevölkerungsdichte geschuldet ist.

Kumamoto,
es kommt vielmehr darauf an, 'wie man dem Trend folgt' und ist damit keine Frage mehr von "sollen, müssen, dürfen & brauchen ..." Was ist denn Trend, wer oder was ist hier der Trendsetter? Auf dem Weg zur Professionalität müssen noch viele Fragen eindeutig geklärt und beantwortet werden.
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Fritz
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Fritz »

HBt hat geschrieben:Was ist an diesem Jahr 2011 so besonderes; die Ganztagsschulen, Schulversorgung schon bei den Erstklässlern bis 16:30h, Alternativangebote oder ist es endlich soweit und die Apokalypse steht vor der Tür?
Markus ist weg?
Es wird einfach Zeit, z.B. für mehr Professionalität - doch Kodokan Judo ist kein Konsumgut (im negativen Sinne) ... ;)
Ich habe mit dem Begriff "Professionalität" so meine Probleme, was soll das sein? Hier bei uns gibt es
"professionelles Judo", sprich Sportschulen. Ob diese die Lösung des Problems sind, bezweifle ich, denn wir bekommen
gelegentlich Leute in den Verein, für die eine Sportschule einfach zu teuer wurde... ;-)

Das Mitglieder einfach so aufhören, sprich kündigen, kennen wir auch. Gelegentlich kommt mal einer und teilt es
persönlich seinen Trainern mit, gelegentlich bleibt der eine oder andere dann doch, wenn man ihm redet und
sein (oft vermeintliches) Problem löst oder anders betrachtet...

Führt ihr eigentlich Anwesenheitslisten? Dann sollten "Ausstiege" nicht mehr so überraschend kommen...
In der Regel sieht man ein Abflauen der Trainingsbeteiligung, dann eine längere Pause und irgendwann kommt die Kündigung...
:-(
Mit freundlichem Gruß

Fritz
HBt.

Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von HBt. »

Über viele Jahre hatte ich ein regelmäßig übendes Mitglied, nämlich quartalsweise.
Fritz hat geschrieben: Führt ihr eigentlich Anwesenheitslisten? Dann sollten "Ausstiege" nicht mehr so überraschend kommen...
In der Regel sieht man ein Abflauen der Trainingsbeteiligung, dann eine längere Pause und irgendwann kommt die Kündigung...
Selbstverständlich! Aber wen interessiert heute denn noch eine Anwesenheitsliste ('das Prinzip' funktioniert noch nicht einmal mehr in der Schule)?
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Fritz
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Fritz »

Selbstverständlich! Aber wen interessiert heute denn noch eine Anwesenheitsliste ('das Prinzip' funktioniert noch nicht einmal mehr in der Schule)?
Bei uns interessiert es schon, denn einerseits habe ich keine Scheu, die Leute bzgl. ihrer Ausreden gezielt zu befragen und
auch Nachfragen durch Trainingskameraden aus der gleichen Schule / Nachbarschaft in Auftrag zu geben.

Andererseits geht bei uns die Trainingsbeteiligung in die Aufstellung der "Kaderlister" mit ein, sprich davon hängt auch erheblich
von ab, ob ein Kind sein Startgeld selbst tragen muß oder der Verein es übernimmt... Und die hängt aus...

Evt. mag das alles für den jeweils "Lustlosen" nichts mehr bringen, aber an die anderen ist es ein Signal, daß wir auf sie achten,
es macht unsere Erwartungshaltung deutlich und es gibt dem Trainer eine Entscheidungshilfe, wie er seine "Korrektur-Zeit" auf der Matte
im günstig aufteilt. Auch über die Zulassung zu Prüfungen ist die Beteiligung letztlich auch maßgeblich...

Trotz allem ist natürlich nie zu vermeiden, daß der eine oder andere "abspringt".

Mal so nebenbei:

Interessant, daß im aktuellen JM 07-08/11 Seite 7 im grünen Kasten das Thema Vereine und Ganztagsschulen
angesprochen wird und die neueste Idee mit "Sozial-Tarifen" lobend erwähnt wird. Insbesonders
der Erste Berliner Judo Club mit 10€ für alle Alter im Monat (und 20€ Aufnahme-Gebühr).
Sprich 110€ im Jahr wenn der Beitrag im Stück überwiesen wird.
Da frage ich mich, welche Botschaft damit ausgesendet werden soll und warum gerade dieses Beispiel als besonders
preiswert angesehen wird. Zum Vergleich: Der VfL Tegel 1891 e.V. verlangt ebenfalls 20€ Euro Aufnahmegebühr und
Erwachsene zahlen 93€ im Jahr und Kinder 72€. (Siehe http://www.tegeljudo.de/wordpress/beitrage-und-eintritt )
Und ich denke es gibt noch einige andere Vereine, die deutlich preiswerter sind als der EBJC
(dem die Werbung im JM durchaus gegönnt sei)
:BangHead
Mit freundlichem Gruß

Fritz
Jupp
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Jupp »

Es gibt allerdings auch zahlreiche Vereine, die deutlich mehr Mitgliedsbeitrag nehmen und sich dennoch (oder velleicht sogar wegen der sich daraus ergebenden Möglichkeiten?) über einen (wenn auch geringen) wachsenden Mitgliederbestand freuen können.

So jedenfalls sieht es z.B. im 1. Godesberger JC aus.

Es liegt also nicht immer und überall am Geld...

Jupp

(da wir gerade bei "etwas" Reklame sind...)
Kumamoto
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Kumamoto »

Hbt. schrieb:
Es kommt vielmehr darauf an, 'wie man dem Trend folgt' und ist damit keine Frage mehr von "sollen, müssen, dürfen & brauchen ..." Was ist denn Trend, wer oder was ist hier der Trendsetter?
(Kodokan)- Judo ist - im Vergleich mit anderen Konkurrenzsportarten (die meisten Judovereine sind ja als Sportvereine organisiert) - relativ jung und modern: Fußball z.B. spielten ja angeblich schon die Mayas (oder waren es die Azteken) mit den Köpfen ihrer Feinde. Es ist aber anders als z.B. Trend- und Funsportarten nicht so sehr dem Zeitgeist unterworfen, sondern hat eine Zielsetzung (moralische und körperliche Verbesserung des Menschen), die zeitlos ist und universell anwendbar ist. Ich bin davon fest überzeugt, dass Kano 1882 mit seinem Kodokan up-to-date zu der damaligen Methodik und Erziehung war und deshalb so großen Erfolg mit seinem Modell hatte. Er hat den Spagat zwischen den alten Künsten und den modernen Methoden geschafft: Allein, dass die Schüler den Meister solange mit Fragen löchern durften, bis sie es verstanden hatten, muss revolutionär gewesen sein. Gibt es das heute eigentlich auch noch? Vielfach wird doch nur noch gesagt: "Das ist im Judo eben so." Mit dem Tode Kanos 1937 hat die Judoentwicklung aber nicht aufgehört - bzw. sollte sie es nicht gemacht haben. Ich bin mir sicher, Kano würde - wenn er heute leben würde - begeistert die Entwicklung des Parcours (im Hinblick auf die Fallschule) beobachten und auch moderne Medien in seinen Unterricht einfließen lassen (z.B. Zeitlupenaufnahmen von Würfen zur individuellen Technikverbesserung).
Der Judolehrer von heute ist - so habe ich es mal gelesen und der Begriff gefällt mir - ENTERTRAINER- eine Mischung zwischen Trainer und Entertainer. Er vermittelt sein Wissen mit den Mitteln seiner Zeit. Denn nur so findet er Bindestellen zwischen sich und seinen Schülern.
"Tradition ist das Weitergeben der Flamme, nicht das Aufbewahren der Asche."
Ich glaube Jupp, kann wertvolle Einblicke darin geben, wie das Thema "Judo und Zeitgeist" im Sundsvall- Modell funktioniert: Dort werden die Trainer nicht nur judofachlich geschult, sondern auch in Alltagsthemen und ständig angehalten, sich darüber zu informieren, was ihre Schüler so beschäftigt. Das ist für mich Judo im Sinne von Kano für das dritte Jahrtausend.
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Mitesco »

Meiner Meinung nach, braucht das Judo immer eine bestimme Menge 'Kampfsporttugend', wobei nicht nur Mut wichtig sei, sondern auch Loyalität, Respekt, und innere Tugenden wie Willenskraft und Ausdauer. Das ist nicht nur, weil es immer so war und Kano das auch nur aus den Jahrtausenden Chinesischer Kampftradition genommen hat, aber weil das urmenschlich ist. Wenn das aber fehlt, wie es jetzt überall in der Gesellschaft unter Druck steht, muss das Judo auch darunter leiden. Klar. Aber gerade deswegen hat das Judo gerade jener Gesellschaft etwas großartiges zu bieten, denke ich.

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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von Kumamoto »

Wichtig ist auch immer eine Analyse bzw. Nachfragen/ Nachforschen:
1. Hören die Betreffenden ganz mit Judo auf? (Keine Lust mehr auf Judo)
1a. Haben sie die Sportart gewechselt (z.B. zum Handball) oder betätigen sich anders (andere Interessen/ Interessenverschiebung)
1b. Oder brauchen sie mehr "individuelle Freizeit"?
2. Oder sind sie in einen anderen Verein gewechselt, bleiben aber dem Judo treu?
Wenn man sich darüber einen Überblick verschafft hat, kann man an die Ursachenforschung gehen und die notwendigen Schritte ergreifen.
Ich würde weiter vorschlagen sich ein anonymes Feedback der noch verbliebenen Mitglieder zu holen, z.B. in Form eines Fragebogens ( z.B. bewerte die Abteilung insgesamt mit Schulnoten, bewerte die Trainer mit Schulnoten, bewerte die Abteilungsführung mit Schulnoten, was gefällt Dir besonders, was gefällt Dir überhaupt nicht) So kann man "Problemfelder" früh erkennen und ihnen entgegenwirken. Wichtig dabei: JEDE Meinung ernst nehmen und ein gesundes Mass an Selbstkritik.
HBt.

Ups

Beitrag von HBt. »

kumamoto hat geschrieben: 2. Oder sind sie in einen anderen Verein gewechselt, bleiben aber dem Judo treu?

Wenn man sich darüber einen Überblick verschafft hat, kann man an die Ursachenforschung gehen und die notwendigen Schritte ergreifen.
Ich muss dazwischenfragen:
Wir wissen, dass die Zielgruppe Kinder (u7 bis u11) nicht über 'die Jahre' gehalten werden kann. Selbst Jupp betreitet dieses nicht ...
Jupp hat geschrieben:(..)Ob wir allerdings in unseren Judovereinen die Chance haben, so junge Kinder über 4-5 Jahren im Verein zu halten, ehe sie mit 8-9 Jahren anfangen (können) Judo wirklich zu verstehen und auch als Judo (so wie ich es verstehe!) zu üben, hängt dann vor allem vom konkreten Vereinsangebot für die jungen Kids und von der Kompetenz der jeweiligen Lehrenden ab (von der Geduld der Eltern einmal abgesehen!).

Statistisch gesehen ist die Verweildauer in einem durchschnittlichen deutschen Judoclub nicht lange genug, um einen solch großen Zeitraum zu überbrücken - aber das ist nicht das Problem (..)
Wie viele dieser ehemals 7 - oder 11jährigen bleiben statistisch dem Judo treu (unabhängig von der Ausprägung Sport oder Kampfkunst)?

Die Analyse muss demzufolge sehr umfangreich (global) sein - und beschränkt sich nicht mehr alleine auf den Club, die Abteilung oder den Verein (lokal). Sehr interessant.



@Kumamoto,
Jigoro Kano ist bekanntlich nicht 1937 zu Tode gekommen, sondern am 04.05.1938 an Bord der ... gestorben. Was Professor Kano heute tun/lassen oder gut finden würde, jenes wissen nur die Götter - alles nichts weiter als reine Spekulation und Wunschdenken ;).
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Re: Ups

Beitrag von Ronin »

HBt. hat geschrieben:Die Analyse muss demzufolge sehr umfangreich (global) sein - und beschränkt sich nicht mehr alleine auf den Club, die Abteilung oder den Verein (lokal). Sehr interessant.
Die Verbände müssten diese Zahlen eigentlich über die jährliche Stärkemeldung erheben können. Ansonsten würde ja die jährlich Abfrage der Gesamtanzahl der Mitglieder ausreichend sein.
Statistisch gesehen ist die Verweildauer in einem durchschnittlichen deutschen Judoclub nicht lange genug, um einen solch großen Zeitraum zu überbrücken - aber das ist nicht das Problem (..)
Doch schon.... nur traut sich keiner ran und deswegen werden solche Scheinmanöver erfunden wie Judo von 5 bis 7..
Jedem Idioten ist klar, dass man da kein Judo machen kann, sondern Kinder bespaßt. Und das ganze mit dem Argument, die Kinder auf das Judo vorzubereiten (dass sie dann ja gar nicht mehr machen, weil die Verweildauer im Verein zu kurz ist)

Ich stelle mir zunehmend die Frage, ob ich im Verein nicht die Kinderabteilung dicht mache, es ist sehr viel Arbeit und da die Verweildauer immer kürzer wird ist es auch ein zunehmend sinnfreie Beschäftigung für viele Trainer, die alle paar Jahre ein paar andere Kinder bespielen.
HBt.

Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von HBt. »

Ronin hat geschrieben: (..)
Jupp hat geschrieben:Statistisch gesehen ist die Verweildauer in einem durchschnittlichen deutschen Judoclub nicht lange genug, um einen solch großen Zeitraum zu überbrücken - aber das ist nicht das Problem (..)
Doch schon.... nur traut sich keiner ran und deswegen werden solche Scheinmanöver erfunden wie Judo von 5 bis 7..
Jedem Idioten ist klar, dass man da kein Judo machen kann, sondern Kinder bespaßt.
Und das ganze mit dem Argument, die Kinder auf das Judo vorzubereiten (dass sie dann ja gar nicht mehr machen, weil die Verweildauer im Verein zu kurz ist)

Ich stelle mir zunehmend die Frage, ob ich im Verein nicht die Kinderabteilung dicht mache, es ist sehr viel Arbeit und da die Verweildauer immer kürzer wird ist es auch ein zunehmend sinnfreie Beschäftigung für viele Trainer, die alle paar Jahre ein paar andere Kinder bespielen.
Hervorhebung von mir.

@Ronin,
ich stelle mir diese Frage mittlerweile nicht mehr, ich bin einfach gezwungen zwei Einheiten ersatzlos zu streichen - die komplette u11, ich zähle mal die u7 dazu, fällt demnächst weg.
tom herold
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Re: Erschreckende Erkenntnis

Beitrag von tom herold »

Vielleicht liegt es ja gerade daran, DASS zunehmend "Entertrainer" sich dem Kinderbespaßungs-Verfahren widmen, statt Jûdô zu unterrichten ...?
:irre

Wenn Kinder von 5-7 (oder von 4-9) ZU JUNG sind, um Jûdô zu erlernen und zu verstehen, dann kann die Konsequenz doch nicht heißen, daß man genau diese Altersgruppe mit "Spiel und Spaß" auf der Matte zu halten versucht, bis sie dann eines Tages DOCH verschwindet, um interessanteren Angeboten nachzugehen ...

Warum eigentlich war die "Verweildauer" im Jûdô zu DDR-Zeiten sehr viel höher, OBWOHL doch dort der "Spaß" nun gerade NICHT im Vordergrund stand?
Dort ging es (ich hab's ja selbst erlebt) um Leistung im Wettkampf.
Dort ging es (leider) bierernst zu.
Schon im Kindertraining.
Davon halte ich heute nicht mehr sehr viel, aber im Gegensatz zu heute waren die Trainingsgruppen damals groß und STABIL.
Die meisten derer, die mit 7 bis 10 Jahren anfingen, waren mit 16 oder 19 IMMER NOCH dabei.
Und ein großer Prozentsatz war auch mit 25 (oder älter) noch aktiv.
Große, stabile Erwachsenengruppen waren damals KEINE Seltenheit.

Nein, es war NICHT alles besser damals und ich wünsche mir diese Zeit ganz gewiß nicht zurück.
Aber wenn ich lese, daß hier jemand allen Ernstes begrüßt, daß sich Jûdô-Lehrer an ihre "Kundschaft" anpassen und diese als "Entertrainer" (was für ein Unwort!) sozusagen bespaßen sollen, dann schüttelt es mich, so angewidert bin ich.
Der Jûdô-Lehrer als Clown ...

:BangHead
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