(DJB-)Wurfprinzipien - Klassifikation der Gokyo

Hier geht es um Techniken, deren Ausführung und Beschreibung
Cichorei Kano
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Re: (DJB-)Wurfprinzipien - Klassifikation der Gokyo

Beitrag von Cichorei Kano » 12.01.2016, 23:25

Interessante Diskussion. Ich bin nicht mit der Einteilung der Wurftechniken, wie sie innerhalb der DJB gehandhabt werden, vertraut. Kürzlich wurde ich gebeten, einen ausführlichen Vortrag über den gokyō zu halten. Leider nicht in Deutsch. Es gibt tatsächlich viel über die Einteilung der Wurftechniken zu sagen. Weil ich sehe, dass der Begriff "Wurfprinzipien“ in der aktuellen Diskussion einige Malen verwendet wurde, ist es vielleicht sinnvoll, darauf hinzuweisen, dass der gokyō eine reine pädagogische Einteilung ist. Das Gleiche gilt für das, was ihr diskutiert. Aber,eine pädagogische Einteilung, auch wenn man den Begriff "Wurfprinzipien" nutzt, bedeutet dies noch nicht, dass dieser auch nur annähernd wissenschaftlich korrekt ist. Mit anderen Worten, hat der gokyō nichts mit Physik oder mit wissenschaftlicher Präzision zu tun. Das gleiche gilt für die Einteilung, die ihr bespricht. Wissenschaftlich gibt es nur 2 verschiedene Newtonsche physikalische Prinzipien, die die Wurftechniken unterscheiden, d.h. entweder die Verwendung von Hebeln, oder aber die Verwendung eines mechanischen Paars von entgegengesetzten Kräften. Diese beiden Gruppen können natürlich noch weiter unterteilt werden, z.B. in dem man sich basiert auf die Stelle des bei den Wurftechniken als Hebel verwendeten Stützpunktes, oder auf Basis des benutzten Hebels unterteilen. Das Problem ist jedoch, dass eine korrekte wissenschaftliche, also physische Einteilung nicht unbedingt ein besseres Anlernen garantiert. Im Gegensatz dazu ist es durchaus möglich, dass die Lehrerfahrung schneller ist, wenn Sie ein optimales pädagogisches Programm anwenden, auch wenn es physisch-wissenschaftlich falsch ist.

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Re: (DJB-)Wurfprinzipien - Klassifikation der Gokyo

Beitrag von tutor! » 13.01.2016, 00:46

Zur Erklärung und zum Verständnis:

es gibt einen Satz von "Wurfprinzipien", die in der Dan-Prüfungsordnung verankert sind und somit vom DJB als Teil des Prüfungsprogramms definiert wurden. Die Aufgabe ist, die Wurfprinzipien anhand von beispielhaften Techniken zu demonstrieren und zu erläutern.

Diskussionen hierzu sind sehr schwierig und können auf verschiedenen Ebenen stattfinden:

Wie sind die Definitionen der Wurfprinzipien zu verstehen und welche Techniken funktionieren nach welchen Prinzipien?
Sind die definierten Wurfprinzipien, so wie sie definiert wurden, "korrekt" oder sinnvoll?

Da die definierten Wurfprinzipien eine Anlehnung an konkrete Namensbestandteile von Techniken haben (Fegen, Sicheln, Einrollen usw.) kommt noch eine Debatte über die Benennung von Techniken hinzu. Mit Biomechanik hat das alles nicht viel zu tun. Es ist pragmatisch, aber nicht physikalisch.

Auch das Modell von Sacripanti (Hebel und gegenläufiges Kräftepaar) ist nur ein Modell, mit dem versucht wird, die komplexe Wirklichkeit ein wenig zu ordnen. Das Modell beschreibt, was auf Uke wirkt, ich würde lieber beschreiben, welche Wirkung auf Uke hervorgerufen wird. Letztlich kann man eine Wurftechnik mathematisch als Abbildung beschreiben. Da Uke vor dem Wurf steht und nach den Wurf liegt, kann es keine Wurftechnik geben, bei der Uke keine Rotation ausführt. Eine Translation (Parallelverschiebung) macht - außer nach unten - energetisch in der Regel wenig Sinn (außer man will die Reibung zwischen Fuß und Matte reduzieren), sodass eine Wurftechnik als Folge von durch Tori verursachten Rotationen beschrieben werden kann. Hierzu bedarf es immer eines Drehmoments, so dass Wurftechniken durch Drehmomente ausgeführt werden. Ein Drehmoment wird natürlich entweder durch einen einseitigen oder einen beidseitigen Hebel mit gegenläufiger Kraftwirkung erzeugt (womit wir wieder bei Sacripanti wären).

Der Unterschied meines Ansatzes zu dem von Sacripanti erscheint also zunächst "akademisch", jedoch zeigen sich Konsequenzen bei der weiteren Unterteilung.

Konsequent unterteilt Sacripanti nach den Körperteilen Toris, die (z.B.) das Kräftepaar bilden, also z.B. Arm/Arm, Arm/Bein, Oberkörper/Bein usw. Ich würde dagegen bei meinem Ansatz unterteilen, an welchen Stellen von Ukes Körper die Kraftansatzpunkte sind und zwar unabhängig davon, mit welchem Körperteil Tori diese Wirkung erzeugt. Während also ein o-soto-gari bei dem es Tori gelingt Oberkörperkontakt herzustellen bei Sacripanti in die "Kräftepaar-Kategorie" Oberkörper/Bein fällt, gehört ein O-soto-gari ohne Oberkörperkontakt in die Gruppe Arm/Arm.

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man aus Benennungen und biomechanische Funktionsbeschreibungen zweierlei Dinge sind, die man tunlichst nicht vermischen sollte.
I founded a new system for physical culture and mental training as well as for winning contests. I called this "Kodokan Judo",(J. Kano 1898)
Techniques are only the words of the language judo (Cichorei Kano, 24.12.2008)

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